Wenn du ankommst im „Häusle“, liegt vor dir ein ganzer Berg von Tagen. Zuerst zögerlich noch, dann immer freudiger, näherst du dich der Stadt, den Schwaben und all den anderen in dieser kosmopolitischen Stadt.

— Vera Bischitzky, Stipendiatin 2003

Basler Lyrikpreis 2017 an Walle Sayer: »Mikroskopischer Blick für das Detail«

Walle Sayer erhielt den Basler Lyrikpreis 2017 (Foto: Birgit-Cathrin Duval)

Walle Sayer erhielt den Basler Lyrikpreis 2017 (Foto: Birgit-Cathrin Duval)

Der mit 10.000 Schweizer Franken dotierte Basler Lyrikpreis wurde am 28. Januar 2017 an Walle Sayer vergeben.

Sayer sei in seinen Werken ein Zeit- und Ding-Forscher, so Laudatorin Claudia Gabler bei der Preisverleihung im Literaturhaus Basel, und die Dinge seien eben meist mächtiger als ihre Betrachter. Und nie sei so ganz klar, wer da einen Blick auf wen werfe.

Der Basler Lyrikpreis, so das selbst gesetzte Ziel, wird an Dichterinnen und Dichter verliehen, »deren Werk sich durch Innovationskraft auszeichnet und durch den Mut zu konsequentem und eigenwilligem Arbeiten mit Sprache.« Gestiftet wird der Preis von der GGG, der »Gesellschaft für das Gute und Gemeinnützige« in Basel. Deren Vorstandsmitglied Thomas Bachmann betont in seinem Grußwort die Wichtigkeit der Sprache und deren notwendige »geschärfte Wahrnehmung«, die gerade in diesen Zeiten wichtig sei, in denen der Ton des Gesagten merklich rauer werde.

Das Besondere am Basler Lyrikpreis ist, dass er von kompetenten Dichterkollegen vergeben wird, die in der Jury sitzen. Es sind darunter studierte Germanisten und auch Professoren, doch alle schreiben und veröffentlichen sie selbst Lyrik.

Nun hat Walle Sayer, geboren 1960 in Bierlingen am Rande des Nordschwarzwalds, zwar schon einige Preise erhalten, doch zählt er wahrlich nicht zu denen, die in der Eigenmaschinerie der Literaturszene von einem Preis zum nächsten durchgereicht werden. An der Qualität seiner Gedichte kann es dabei freilich nicht liegen. Oftmals könnte man den Eindruck gewinnen, dass es vielmehr an Sayers Bescheidenheit liegt – oder aber auch an den von ihm beschriebenen Dingen. Sayer ist kein Wichtigtuer. Er plustert weder sich noch seine Gedichte auf. Er muss sie nicht scheinbar interessanter machen, indem er sie dem Verständnis der Leser und Zuhörer entzieht. Laudatorin Gabler beginnt daher mit Sayers Selbstbeschreibung, in der die abgeschlossene Banklehre mehr als Versehen erscheint und die damit endet, dass der Dichter »seit 1992 als Autor, Hausmann und Aushilfskellner« mit seiner Familie in Horb-Dettingen wohnt. Während andere Dichter mit solchen Aufzählungen kokettieren, stimmt sie hier tatsächlich, denn Walle Sayer ist regelmäßig in der Gastronomie tätig.

Zurück zum Einfachen, zurück zur Natur, der Blick auf die Dinge, die man findet und die einen finden, also all das, was die geschäftigen Menschen der Großstädte suchen – Walle Sayer war nie weg davon.

Neben der Schönheit seiner Sprache und jenem neugierigen Blick auf die Dinge sei als Drittes ein Adressat seiner Gedichte oftmals sehr wichtig, so Claudia Gabler. Es sei das Kind, das sowohl als das Kind Sayer, als ein Kind von Sayer oder als irgendein Kind auftrete, über dessen Empfindungen er versuche, in seinen Werken das Leben zu erklären.

In seiner Dankesrede bleibt sich Walle Sayer ebenfalls treu. Was man zum Gedicht sagen könne, so Sayer, erscheine schwächer als das Gedicht selbst. Und daher lässt der Dichter auch an diesem Abend immer wieder seine Werke für sich sprechen.

Da Sayer seiner Horber Heimat treu bleibt, obwohl er von Zeit zu Zeit auch in der Hauptstadt zu finden ist, sehen ihn einige bisweilen als eine Art Heimatdichter an. Das jedoch ist Unsinn. Alle Literatur, so Sayer, sei verortet – und gleichzeitig weltumspannend. Der Sportplatz in der Provinz kann genauso Bühne sein, wie die Metropolen dieser Welt. Rollkoffer finden sich überall.

Der Applaus ist lang, an diesem Samstagabend im Literaturhaus Basel. Es ist schön und verdient, dass nicht nur die Dinge als Objekte seiner Lyrik zu Walle Sayer gefunden haben, sondern nun auch der Basler Lyrikpreis 2017.

Wolfgang Tischer

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Der Beitrag erschien ursprünglich am 29. Januar 2017 im literaturcafe.de. Zweitveröffentlichung mit freundlicher Erlaubnis des Autors und der Fotografin.

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