Kanalstraße 4 - Das Stipendiatenblog des Stuttgarter Schriftstellerhauses

Die Atmosphäre war faszinierend: In einer großen Stadt leben und gleichzeitig sehr geborgen sein in dem alten Haus. Man konnte losziehen und war dennoch beschützt.

— José F. A. Oliver, Stipendiat 1988

Ekstase & Nymphen

Die Zeit vergeht viel zu schnell. Ich weiß, es ist erst Mitte Jänner. Aber wie ist die Woche bitte schon wieder zu Ende? Ich hab ausnahmsweise Mal was unternommen. Sonne genossen, die Ekstase Ausstellung im Kunstmuseum besucht, in der Buchhandlung gewesen, sogar eine Postkarte verschickt. Sachen, die ich mir in Wien immer vornehme, aber dann nie mache. Apropos Wien. Es gibt hier einige Orte, die eine Namensverwandschaft aufweisen. Populärstes Beispiel, weil gleich ums Eck, ist der Karlsplatz. Der ist für mich einfach kein Karlsplatz. So ruhig und sauber. Ein bisschen fad, architektonisch gesehen. Sorry, ich bin in einer Kitschstadt aufgewachsen. Was ich dafür sehr toll finde, sind die Stuttgarter Brunnenfiguren. Besonders mag ich die Nymphen.

Woche 1

Erste Woche, Zeit um anzukommen, sich einzurichten, die erste Verkühlung loszuwerden. Liebe Freundinnen und Freunde, die mir ständig Schneefotos und Skifahrselfies schicken: Es schneit hier auch. Am Charlottenplatz bleibt zwar nicht viel liegen, aber ein paar Stationen weiter, kann man schon richtig schöne Schneespaziergänge machen. Das Wochenende kann also kommen. Den Soundtrack dazu hier: Chili Tomasson, der wunderbarerweise zu meiner Einstandslesung anreist. Ihr dürft euch auf was freuen!

Hallo Stuttgart

Hallo, Stuttgart. Ich bin jetzt da. Ich weiß du lümmelst noch in den Ferien herum und versteckst dich im Schnee. Ich weiß, du hast mich noch nicht wirklich gesehen. Einmal in der Schreibwerkstatt angekommen, fällt es schwer gleich wieder das Haus zu verlassen. Vielleicht hörst du mich manchmal schon die Treppen auf- und ablaufen. Vielleicht hörst du meine Schreibplaylist und das Rascheln der Zeitung. Vielleicht wunderst du dich über seltsame Träume und dass so früh am Morgen schon Licht am Fenster. Ich bin es nur. Ich schreib da. Und schön ist’s.

28. Juni 2018

Ich bin unablässig damit beschäftigt, Menschen zu treffen und mich von ihnen zu verabschieden, die ich hier kennen- und schätzen gelernt habe.
Besonders gefreut hat mich, dass ich zwei junge Frauen vernetzt habe, die beide sehr kreativ sind, gute Ideen haben und dabei sind, jeweils einen Verlag zu gründen. Was läge da näher als ein Erfahrungsaustausch?
Ich selbst profitiere von einem Gespräch mit der erfolgreichen Autorin Sudabeh Mohafez. Sie hat mir Mut zu Schritten gemacht, die ich bisher nicht gewagt habe.
Bald steht mir der Abschied von Astrid Braun bevor. Was war das schön, nicht allein im Haus zu sein, sondern mal eben hinunter zu ihr ins Büro steigen zu können oder von ihr die SMS zu empfangen: »Essen?«
Ich werde euch alle so sehr vermissen!

23. Juni 2018

Gestern Salon-Lesung Sudabeh Mohafez. Sie kann sowohl Komik wie Tragik. Jede Geschichte wirkt authentisch, selbst wenn es sich um eine Auftragsarbeit handelt. Und ihre Persönlichkeit kommt so freundlich rüber. Das Publikum fühlt sich angenommen und gemocht.

Auch sie war Stipendiatin in diesem Haus und hat sich in Stuttgart verliebt. Sie ist geblieben…