Kanalstraße 4 - Das Stipendiatenblog des Stuttgarter Schriftstellerhauses

Ach du Kanalstraße vier, was tät ich ohne dir!

— Armin Ayren

Stuttgarter Spuren – später

Dass ich erst jetzt schreibe, am Ende, und nicht früher, hat mit der Form des Weblogs zu tun. Ich bin es gewohnt, Tagebuch zu schreiben, und ich publiziere Texte. Das eine erledige ich handschriftlich, für das andere brauche ich meinen Computer. Tagebuch zu schreiben ist für mich etwas zutiefst Privates, der Adressat bin niemand anderer als ich selbst – die Texte, die ich publiziere, sind fertige Werke (sofern je ein Werk fertig sein kann), sind Ergebnisse, denen man den vorausgegangenen Prozess nicht mehr ansieht, idealerweise. Ein Blog ist die Verbindung von beidem und zugleich ihr Gegenteil: ein öffentliches Tagebuch zum Prozess des Arbeitens, wenigstens der ursprünglichen Wortbedeutung nach. Dass ich diesen Beitrag am Computer tippe (der Versuch, ihn mit der Hand zu schreiben, ist gescheitert), zeigt mir, welcher Aspekt dabei in mir überwiegt, mein Schreiben lenkt: das Faktum der Publikation, das Wissen um Öffentlichkeit – und damit, wie bei mir immer, die Skepsis gegenüber dem Augenblicklichen, dem Unmittelbaren, dem sogenannten Authentischen. Nicht, weil ich den Augenblick nicht wertschätze (das tue ich immer mehr), aber wenn es ums Schreiben für eine Öffentlichkeit geht, empfindet etwas in mir die Notwendigkeit, dem Erlebten Zeit zu geben, es sich im Gedächtnis „setzen“ zu lassen, wenn man so will (ich habe erst kürzlich hier in Stuttgart ein Buch gelesen über das menschliche Gedächtnis). Etwas in mir möchte warten, bis sich augenblickliche Stimmungen und unmittelbare Eindrücke gelegt haben, der Gedächtnisnebel zu einem Ereignis einigermaßen aufgeklart ist, nachdem die vielen einzelnen winzigen, unterschiedlichen, auch widersprüchlichen Erlebnis- und Erinnerungspartikel zu Boden gesunken sind an den Gedächtnisgrund, ihren Platz an den Synapsen dort gefunden haben und ins Altgedächtnis gewandert oder aber im Nirwana des Vergessens verschwunden sind. Wenn der Nebel sich verzogen hat im Kopf, kann das Schreiben beginnen. Ich kann jetzt also bestenfalls versuchen, einen vorläufigen Endbericht zu schreiben über meine Zeit hier, der zugleich – nachdem mit jedem Abrufen einer Erinnerung ihre Veränderung bewirkt wird – das, was ich später davon erinnern werde, formt und dabei transformiert.

Weiterlesen »

Of Mice and Men

Foto: Ron Segal

My Uncle called me up to say that my grandmother has a mouse in her apartment and asked whether I would mind installing some glue mousetraps, which he had bought, and remove the harmless rodent once it gets caught in the trap. I said that I would love to help my grandmother out and install the traps but that I cannot, in good conscience, remove them should the mouse get caught. Glue mousetraps are especially cruel; death is much slower than with the traditional type trap; trapped mice eventually die from exposure, dehydration, starvation, suffocation, or predation. I simply won’t be able, I admitted, to listen to the helpless twitting of the poor thing and stare into its beady black eyes. Just set up the traps then, my uncle said, and I’ll take care of the rest. So I set up the traps – poorly I might add – in the kitchen cabinet and before closing the doors I whispered: Beware, trap!

Weiterlesen »

Each of Us Has a Name

There is this beautiful poem by the late Israeli poet Zelda Schneurson Mishkovsky, known simply as Zelda, titled “Each of Us has a Name”. A naive title at first glance; after all, do you know anyone who doesn’t have a name? If he or she didn’t have one, you probably wouldn’t know them for you wouldn’t be able to address them in the first place. Weiterlesen »

(sieben)

was in den gästebüchern nicht steht, kann ich leider nicht sagen, weil, eben, was es dort nicht zu lesen gibt, davon lässt sich auch nicht schreiben, was ich weiß, ist aber, nicht jeder gast, der anwesend war, hat sich in eines der gästebücher eingetragen, philip nicht, zum beispiel, und auch lene nicht, und auch juliane, nein, auch jule nicht, schlicht fehlanzeige, und das macht mich vermuten, dass es noch viel mehr geschichten gibt, über dieses haus, diese wohnung, diesen schreibtisch, die für ewig fama bleiben, werden nämlich, heißt: Weiterlesen »

(sechs)

4.3.88, die handschrift straff und etwas wackelig, blaue tinte, neun zeilen lang – wenn man die grußworte mitzählt -, das sind die daten des ersten eintrags, in dem er, der bäcker, erwähnung findet, ich habe zwei nächte wunderbar geschlafen, trotz bäckerei, schreibt sophie f. da, ja, die bäckerei, also, die muss ich hier auch einmal erwähnen, weil sie, eben, immer wieder erwähnung findet. Weiterlesen »

(fünf)

das schreiben in ein gästebuch ist auch eine komische sache, weil es adressiert, ohne zu kennen, oder in der kenntnis der angesprochenen person, aber eben in aller öffentlichkeit, nicht wahr, so denke ich zumindest, ein bisschen wie ein analoges facebook, wo also a sich an b wendet, im wissen -und der hoffnung-, c, d, e, f und ff mögen es auch Weiterlesen »

(vier)

eigentlich hatte ich mir ja vorgenommen, zwei beiträge pro woche zu veröffentlichen, so pi mal daumen zumindest, ungefähr, weil das internet bekanntermaßen ein echtzeitmedium ist, heißt: neuigkeitswert und aufmerksamkeit invers proportional, zumindest glaube ich, dass man das so sagen kann, aber, egal, denn tatsache ist, dass ich in echt nicht hier war, sondern andernorts, und dort wo ich war, war es trubelig, ich hatte die gästebücher nicht bei mir, usw. aber: Weiterlesen »

Gastbeitrag Viktor Dallmann

Nichts gefunden haben beim Landgang
(von Viktor Dallmann)

für jeden Wolfgang B.

Dieser Wind und wir sind
ja nicht am Meer
Ein wortverwehter Kanalarbeiter
und sein Uninstrument
ist ein Bohrer der klingt
schon wie gern
würde ich den Weg falten hier
an der Stelle unterhalb deiner Dinge
um schneller zu sein 
das kennt man doch
Hier klicken und das ganze Gedicht lesen »

(drei)

aauf der ersten seite des gästebuchs (übernachtungsgäste im braunen zimmer, 1) findet sich der vermerk, lieber übernachtungsgast, bitte tragen sie in dieses heft ihren namen + anschrift + telefonnummer und das datum ihrer übernachtung ein, mit den adressen, denke ich, ist das ja so eine sache, nicht wahr, wenn ich diese bücher nämlich durchblättere, dann entdecke ich Weiterlesen »

(zwei)

tibor heißt gar nicht tibor, das ist mir aufgefallen, kurz nachdem ich den letzten eintrag gepostet habe, als ich das nächste gästebuch aufschlug, und in der gleichen handschrift einen eintrag fand, unterzeichnet, aber, eben, also, imre török. nicht tibor. imres erster eintrag stammt übrigens vom 11. januar 1991, seit der gründung unseres häuschens, schreibt er, habe ich als es als mit-organisator, als gastgeber, aktivist und regelmäßiger besucher gekannt und geliebt. nun, nach unserem wegzug in die pampa, kam ich selber als gast hierher – ach, es ist herrlich Weiterlesen »