Kanalstraße 4 - Das Stipendiatenblog des Stuttgarter Schriftstellerhauses

Wenn du ankommst im „Häusle“, liegt vor dir ein ganzer Berg von Tagen. Zuerst zögerlich noch, dann immer freudiger, näherst du dich der Stadt, den Schwaben und all den anderen in dieser kosmopolitischen Stadt.

— Vera Bischitzky, Stipendiatin 2003

3. Mai 2018

Liebe Stuttgarter*innen,
vielen Dank für die Lesung am 7. Mai. Sie bewirkt, dass mich mal wieder oder noch einmal so richtig das Feuer packt und mich Stunden um Stunden am Text schleifen lässt. Kürzen, zusetzen, kürzen, wieder einbauen, kürzen…
Normalerweise funktioniert das so, dass ich für eine Lesung eine Textauswahl treffe und sie so kürze, dass die erforderliche Lesezeit erreicht wird.
Diesmal habe ich es aber mit einem weiteren Spannungsbogen als bei mir üblich zu tun. Und diesmal verändert sich bei jeder Kürzungsvariante der Text vollkommen. Sowohl inhaltlich als auch stilistisch. Zuerst probierte ich, alle kleinen Wörter außerhalb der direkten Rede zu streichen. Das stellte sich als No-go heraus, der Hörer käme nicht mit. Dann versuchte ich, ganze Passagen zu streichen, die nicht erforderlich waren, um den Gesamtbau zu erhalten. Seltsamerweise fehlte es dann aber an den dramatischsten Momenten. Normalerweise sind die dramatischsten Momente untrennbar mit dem Gesamtbau verbunden. Ich mache hier eine Erfahrung, die ich weder mit früheren Texten gemacht habe, noch kenne ich sie aus den kreativen Schreibschulen Deutschlands oder Amerikas. So richtig verstehen kann ich das (noch) nicht. Ich wünschte, ich könnte mit jemanden dermaßen ins Eingemachte gehen. Aber ich muss dankbar sein, wenn Kolleg*innen eine Textvariante lesen. Mehrere sind niemandem zuzumuten. Jedenfalls ist das faszinierend und so aufregend, dass ich kaum etwas gegessen habe. Das schätze ich nicht. Auszehren will ich mich nicht. Ich beruhige mich damit, dass ich am Wochenende vor der Lesung mit Freunden essen gehe.
Jetzt heißt es schlafen und morgen wieder laut lesen.

28. April 2018

Gestern Wanderung auf den Birkenkopf. Die Vorstellung, dass 45% der Stadt zerbombt gewesen waren, trieb mir die Tränen in die Augen. Unter meinen Füßen lagen 40 Meter Kriegsschutt. Darüber schlüpfen Eidechsen und zwischen den klassizistischen Quadern wurzeln Bäume. So also wird die Welt nach uns aussehen. Weiterlesen »

24. April 2018

Schloss Solitude besucht und in den Parkanlagen spaziert. Hier also hat Schillers Vater gearbeitet. Dem Herrscher nahe, sodass der sich in Familienangelegenheiten einmischte und Friedrich auf die Kadettenschule schickte, wo der Junge an Leib und Seele erkrankte. Darauf antwortete der Jugendliche mit dem Revoluzzerstück »Die Räuber«. Und hatte Erfolg! Man wollte ihn nicht einmal zur Premiere seines Stücks reisen lassen! (Kinder, wenn euch die Eltern die Castingshow verbieten, ist das etwas anderes, wirklich!)
Wie sehr fühlte ich mit diesem Revoluzzer! Als junges Mädchen fragte ich mich, was er in den 1970er Jahren geschrieben hätte. Kifferromane? Ökoutopien? Rockballaden?
Was würde er heute verfassen? Klarer Fall, er würde für das heutige Trickfilmfestival schreiben, zu dem ich mich jetzt auf den Schlossplatz begeben werde.

23. April 2018

Schaut euch mal die Kunstwerke im Foyer des Gewerkschaftshauses an. Die sind irritierend. Ich liebe politische Kunst.

Irritierend ist auch eines meiner Romansettings. Die Handlung ist fiktional, trotzdem möchte ich sie der Historie anpassen, sodass sie immerhin möglich gewesen sein könnte. Dazu bräuchte ich einen Südamerika-Experten für die 50er und 60er Jahre. Insbesondere um Argentinien, Brasilien und die Nachbarländer ginge es.

20. April 2018

Liebste Stuttgarter,
heute Morgen wollte ich noch fragen, warum ihr nicht eure ganze Freizeit in den Weinbergen verbringt. Was für eine liebliche Landschaft! Sanfte Hügel durchzogen von leicht zu gehenden Wanderwegen. Ohne Asphalt wäre es noch schöner für die Füße. Die ersten Blätter drängen aus den knorrigen Stämmen, zwischen ihnen stehen Löwenzahn und Narzissen. Dicht neben und über mir kämpfen zwei Bussarde hart auf hart, bis es dem einen gelingt, den anderen zu vertreiben. Sofort wird er selbst von einer Krähe angegriffen. Das zarte Glockenspiel von Uhlbach dringt herauf. Die Mähmaschinen der Winzer klingen herunter. Unter dem Jägerzaun eines Schrebergartens quetscht sich ein Igel hervor.
Nach zwei Stunden Wanderung weiß ich, warum ihr im Schlossgarten unterm Baum liegt. Zum ersten Mal in der Saison trage ich Trekkingsandalen und meine Füße sehen aus wie kleine Zebras. Die Pflanzen lieben Südhang, mir reichte Ost- oder Westlage.

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