Heimat trifft Heimat

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    Heimat trifft Heimat: Furioser Start mit Karl-Heinz Ott

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    Karl-Heinz Ott in außergewöhnlich guter Form – Foto: Michael Seehoff

    „Komm heim, so schnell es geht, Papa ist tot, hatte Linda frühmorgens, kaum dass es Tag war, ins Telefon gehechelt und am Ende des knappen Gesprächs gestöhnt: Gottlob.“
    So beginnt das Buch von Karl-Heinz Ott, aus dem er am 20. Mai bei den Gastgebern in Degerloch las. Es war die Auftaktveranstaltung der Reihe „Literatur im Salon – Heimat trifft Heimat“ des Schriftstellerhauses Stuttgart.

    Herrlicher Sonnenschein durchflutete den Garten der gastgebenden Familie. Die Blumenpracht im Garten: üppig. Die Reihe „Literatur im Salon – Heimat trifft Heimat“, als Teil des in ganz Baden-Württemberg veranstalteten Literatursommers 2016, konnte nicht besser beginnen. Aber selbst wenn das Wetter grau und regnerisch gewesen wäre, die Herzlichkeit und Freundlichkeit der Gastgeber hätte dies wett gemacht.

    Astrid Braun, Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, stellte Karl-Heinz Ott vor:
    Geboren 1957 in Ehingen bei Ulm studierte Karl-Heinz Ott Philosophie, Germanistik und Musikwissenschaft und arbeitete anschließend als Dramaturg in Freiburg, Basel und Zürich. 1998 erschien sein erster Roman “Ins Offene”, für den er 1999 den Thaddäus-Troll-Preis erhielt. Seither folgten weitere Romane. Außerdem Features und Essays, vor allem für den SWR. Karl-Heinz Ott lebt in Freiburg im Breisgau.

    „Der hört nichts mehr.“
    „Wer weiß?“
    Der routinierte Dramaturg Karl-Heinz Ott las eine ganze Stunde aus seinem neuen Werk und schlug die Zuhörerinnen und Zuhörer mit seiner Lesung in Bann. Er schlüpfte in die Rollen der vier längst erwachsenen Kinder des pensionierten Chefarztes der Ulmer Unfallklinik Jan Nido: Linda, Joschi, Uli und Jakob. Der Vater liegt tot in seinem Haus. Die Kinder und zwei ihrer Partner finden sich im Haus ihrer Kindheit ein, um das weitere Vorgehen abzustimmen.

    Über dem Haus lag lange der Schatten eines Zerwürfnisses. Vor geraumer Zeit schon hatte der seit zwölf Jahren verwitwete Vater seine Tochter Hausverbot erteilt. Auch seine Söhne ließ er nicht mehr ins Haus. Jan Nido, als Ehemann und Vater eher leidenschaftslos, war an Parkinson erkrankt und hatte erhebliche Schrullen entwickelt: Als Jakob seinen alten Vater einmal überraschend besuchen wollte, hörte er den Alten schon von der Terrasse her laut stöhnen: Im Schlafzimmer erblickte er den nackten Hintern einer Frau, die den alten Vater heftig ritt. Die Wände des Hauses waren mit drallen Porno-Plakaten drapiert, die Linda nach ihrer Ankunft sofort abriss und in den Müll warf.

    Die Geschwister warten im Wohnzimmer des Vaters auf den Rechtsanwalt Max Schmeler, in Angst, der Vater hätte seinen Besitz seiner Pflegerin, der Geliebten (?) vererbt, wie er es auch mit einem Haus im Tessin schon angedeutet hatte. Der Rechtsanwalt war mit Linda eine Weile verlobt, ehe er von einem Mallorca-Urlaub mit einer Laufstegschönheit zurück kam und für Linda zur meistgehassten Person im Hause Nido wurde. Ausgerechnet dem hat sich Vater Nido anvertraut, um sein Erbe zu regeln. Wird es Bares geben, was ist mit dem Haus? Das sind die zentralen Fragen der Kinder des Verstorbenen. Die Rahmenhandlung des Romans streute Ott während seiner Lesung ein, so dass ein plastisches Bild des Werkes entstehen konnte.

    Karl-Heinz Ott zeichnet ein Porträt der zwischen 1946 und 1959 Geborenen

    Er liefert anhand der Familiengeschichte der Nidos ein Porträt jener etwa von 1946 bis 1959 Geborenen, die sich von den Eltern und der schwäbischen Provinz entfernten und freier leben wollten. Folgt man Otts sprachmächtiger Erzählung der Biografien der Nido-Kinder, fällt die Bilanz dieses Aufbruchs insgesamt kaum optimistisch aus. Jakob hat eine Karriere als freier Fernsehkulturjournalist hinter sich, der es mit Adorno, Baudelaire und Pascal hält, aber mittlerweile, inzwischen selbst um 60 Jahre alt, keine Redakteure mehr findet, die sich für seine Angebote interessieren. Von seiner Sparkassenberaterin wird er mit seiner prekären finanziellen Situation aufgeklärt, während er in Frankreich an einem neuen Fernsehbeitrag arbeitet, den er aufgrund des Tods seines Vaters sausen lassen muss. Die Vergangenheit von Joschi als linksradikaler Student in Heidelberg, zu Beginn der Siebzigerjahre, erläuterte der Autor in seiner Zwischenmoderation, endet abrupt, als er – inzwischen Geschäftsführer des Studentenwerks – eine halbe Million Mark veruntreut und sich der Haftstrafe durch Flucht nach Ungarn entzieht. Dort schlägt er sich zehn Jahre lang als Penner durch, bis sein Fall verjährt ist. Uli hat nach den Hippie-Jahren eine Stelle als Werklehrer an der Waldorfschule bekommen. Mit dem Geld kommt er für sich, seine Frau Franziska und ihre drei Kinder über die Runden. Besonders Joschi und Jakob könnten ihre prekäre Existenz durch das Erbe aufbessern. Schwester Linda studierte Kunstgeschichte und leitet eine Kunsteinrichtung in Memmingen, ihr Mann ist an der Volkshochschule des Ortes angestellt. Die Schilderung der langen Stunden bis in die Nacht, als Max Schmeler eintrifft, bildet den Erzählrahmen des Romans, in dessen Verlauf die Zuhörer über Dialoge und Rückblenden so spannend wie genau über die Entwicklung dieser Schicksalsgemeinschaft informiert werden. Karl-Heinz Ott gelingt es mit wenigen charakteristischen Szenen, die Figuren zutreffend zu skizzieren, wie zum Beispiel im Geschwisterstreit über die Beerdigungsrituale: Friedwald oder Seebestattung, katholischer Friedhof oder Anonymität. Alles ist möglich in diesem mit Situationskomik durchsetzten Roman. Ein Roman, der in seiner Direktheit und Dramaturgie nach einer Verfilmung ruft. Karl-Heinz Ott verriet im Gespräch nach der Lesung bei üppigem Fingerfood und gutem Wein, dass er darüber in Verhandlungen sei.

    Heimat trifft Heimat

    Karl-Heinz Otts Text passte hervorragend in Reihe „Literatur im Salon“ des Schriftstellerhauses Stuttgart, die dieses Jahr den Titel „Heimat trifft Heimat“ trägt. Von Mai bis zum 10. Oktober wird sie in wechselnden Privatwohnungen in Stuttgart durchgeführt. Die Gastgeber wohnen in ganz unterschiedlichen Orten: im Stuttgarter Zentrum, im Osten, auf der Gänsheide, in Botnang, Uhlbach, Hedelfingen oder in Degerloch. Sie verfügen über ausreichend Platz für 25 Gäste, ob im Wohnzimmer, auf der Terrasse oder im anliegenden Garten. Die Autorinnen und Autoren Jagoda Marinić, Shida Bazyar, Uta-Maria Heim, Regina Scheer, Walle Sayer, Pierre Jarawan und Bov Bjerg werden aus ihren Werken lesen, die das Thema Heimat in den Blick nehmen.

    Michael Seehoff

    Karl-Heinz Ott: Die Auferstehung. 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. Carl Hanser Verlag, München,  22,90 Euro

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    Karl-Heinz Ott in außergewöhnlich guter Form – Foto: Michael Seehoff

    „Komm heim, so schnell es geht, Papa ist tot, hatte Linda frühmorgens, kaum dass es Tag war, ins Telefon gehechelt und am Ende des knappen Gesprächs gestöhnt: Gottlob.“
    So beginnt das Buch von Karl-Heinz Ott, aus dem er am 20. Mai bei den Gastgebern in Degerloch las. Es war die Auftaktveranstaltung der Reihe „Literatur im Salon – Heimat trifft Heimat“ des Schriftstellerhauses Stuttgart.

    Herrlicher Sonnenschein durchflutete den Garten der gastgebenden Familie. Die Blumenpracht im Garten: üppig. Die Reihe „Literatur im Salon – Heimat trifft Heimat“, als Teil des in ganz Baden-Württemberg veranstalteten Literatursommers 2016, konnte nicht besser beginnen. Aber selbst wenn das Wetter grau und regnerisch gewesen wäre, die Herzlichkeit und Freundlichkeit der Gastgeber hätte dies wett gemacht.

    Astrid Braun, Geschäftsführerin des Schriftstellerhauses, stellte Karl-Heinz Ott vor:
    Geboren 1957 in Ehingen bei Ulm studierte Karl-Heinz Ott Philosophie, Germanistik und Musikwissenschaft und arbeitete anschließend als Dramaturg in Freiburg, Basel und Zürich. 1998 erschien sein erster Roman “Ins Offene”, für den er 1999 den Thaddäus-Troll-Preis erhielt. Seither folgten weitere Romane. Außerdem Features und Essays, vor allem für den SWR. Karl-Heinz Ott lebt in Freiburg im Breisgau.

    „Der hört nichts mehr.“
    „Wer weiß?“
    Der routinierte Dramaturg Karl-Heinz Ott las eine ganze Stunde aus seinem neuen Werk und schlug die Zuhörerinnen und Zuhörer mit seiner Lesung in Bann. Er schlüpfte in die Rollen der vier längst erwachsenen Kinder des pensionierten Chefarztes der Ulmer Unfallklinik Jan Nido: Linda, Joschi, Uli und Jakob. Der Vater liegt tot in seinem Haus. Die Kinder und zwei ihrer Partner finden sich im Haus ihrer Kindheit ein, um das weitere Vorgehen abzustimmen.

    Über dem Haus lag lange der Schatten eines Zerwürfnisses. Vor geraumer Zeit schon hatte der seit zwölf Jahren verwitwete Vater seine Tochter Hausverbot erteilt. Auch seine Söhne ließ er nicht mehr ins Haus. Jan Nido, als Ehemann und Vater eher leidenschaftslos, war an Parkinson erkrankt und hatte erhebliche Schrullen entwickelt: Als Jakob seinen alten Vater einmal überraschend besuchen wollte, hörte er den Alten schon von der Terrasse her laut stöhnen: Im Schlafzimmer erblickte er den nackten Hintern einer Frau, die den alten Vater heftig ritt. Die Wände des Hauses waren mit drallen Porno-Plakaten drapiert, die Linda nach ihrer Ankunft sofort abriss und in den Müll warf.

    Die Geschwister warten im Wohnzimmer des Vaters auf den Rechtsanwalt Max Schmeler, in Angst, der Vater hätte seinen Besitz seiner Pflegerin, der Geliebten (?) vererbt, wie er es auch mit einem Haus im Tessin schon angedeutet hatte. Der Rechtsanwalt war mit Linda eine Weile verlobt, ehe er von einem Mallorca-Urlaub mit einer Laufstegschönheit zurück kam und für Linda zur meistgehassten Person im Hause Nido wurde. Ausgerechnet dem hat sich Vater Nido anvertraut, um sein Erbe zu regeln. Wird es Bares geben, was ist mit dem Haus? Das sind die zentralen Fragen der Kinder des Verstorbenen. Die Rahmenhandlung des Romans streute Ott während seiner Lesung ein, so dass ein plastisches Bild des Werkes entstehen konnte.

    Karl-Heinz Ott zeichnet ein Porträt der zwischen 1946 und 1959 Geborenen

    Er liefert anhand der Familiengeschichte der Nidos ein Porträt jener etwa von 1946 bis 1959 Geborenen, die sich von den Eltern und der schwäbischen Provinz entfernten und freier leben wollten. Folgt man Otts sprachmächtiger Erzählung der Biografien der Nido-Kinder, fällt die Bilanz dieses Aufbruchs insgesamt kaum optimistisch aus. Jakob hat eine Karriere als freier Fernsehkulturjournalist hinter sich, der es mit Adorno, Baudelaire und Pascal hält, aber mittlerweile, inzwischen selbst um 60 Jahre alt, keine Redakteure mehr findet, die sich für seine Angebote interessieren. Von seiner Sparkassenberaterin wird er mit seiner prekären finanziellen Situation aufgeklärt, während er in Frankreich an einem neuen Fernsehbeitrag arbeitet, den er aufgrund des Tods seines Vaters sausen lassen muss. Die Vergangenheit von Joschi als linksradikaler Student in Heidelberg, zu Beginn der Siebzigerjahre, erläuterte der Autor in seiner Zwischenmoderation, endet abrupt, als er – inzwischen Geschäftsführer des Studentenwerks – eine halbe Million Mark veruntreut und sich der Haftstrafe durch Flucht nach Ungarn entzieht. Dort schlägt er sich zehn Jahre lang als Penner durch, bis sein Fall verjährt ist. Uli hat nach den Hippie-Jahren eine Stelle als Werklehrer an der Waldorfschule bekommen. Mit dem Geld kommt er für sich, seine Frau Franziska und ihre drei Kinder über die Runden. Besonders Joschi und Jakob könnten ihre prekäre Existenz durch das Erbe aufbessern. Schwester Linda studierte Kunstgeschichte und leitet eine Kunsteinrichtung in Memmingen, ihr Mann ist an der Volkshochschule des Ortes angestellt. Die Schilderung der langen Stunden bis in die Nacht, als Max Schmeler eintrifft, bildet den Erzählrahmen des Romans, in dessen Verlauf die Zuhörer über Dialoge und Rückblenden so spannend wie genau über die Entwicklung dieser Schicksalsgemeinschaft informiert werden. Karl-Heinz Ott gelingt es mit wenigen charakteristischen Szenen, die Figuren zutreffend zu skizzieren, wie zum Beispiel im Geschwisterstreit über die Beerdigungsrituale: Friedwald oder Seebestattung, katholischer Friedhof oder Anonymität. Alles ist möglich in diesem mit Situationskomik durchsetzten Roman. Ein Roman, der in seiner Direktheit und Dramaturgie nach einer Verfilmung ruft. Karl-Heinz Ott verriet im Gespräch nach der Lesung bei üppigem Fingerfood und gutem Wein, dass er darüber in Verhandlungen sei.

    Heimat trifft Heimat

    Karl-Heinz Otts Text passte hervorragend in Reihe „Literatur im Salon“ des Schriftstellerhauses Stuttgart, die dieses Jahr den Titel „Heimat trifft Heimat“ trägt. Von Mai bis zum 10. Oktober wird sie in wechselnden Privatwohnungen in Stuttgart durchgeführt. Die Gastgeber wohnen in ganz unterschiedlichen Orten: im Stuttgarter Zentrum, im Osten, auf der Gänsheide, in Botnang, Uhlbach, Hedelfingen oder in Degerloch. Sie verfügen über ausreichend Platz für 25 Gäste, ob im Wohnzimmer, auf der Terrasse oder im anliegenden Garten. Die Autorinnen und Autoren Jagoda Marinić, Shida Bazyar, Uta-Maria Heim, Regina Scheer, Walle Sayer, Pierre Jarawan und Bov Bjerg werden aus ihren Werken lesen, die das Thema Heimat in den Blick nehmen.

    Michael Seehoff

    Karl-Heinz Ott: Die Auferstehung. 352 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag. Carl Hanser Verlag, München,  22,90 Euro