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Catarina da Silva: „Schnee im August“

Catarina da Silva ©privat

Catarina da Silva: „Schnee im August“

Ich zog meinen schwarzen Mantel enger um mich und versuchte durch Blinzeln den Schneeflocken zu trotzen, die mir, getrieben vom Wind, entgegenflogen. Die Leute um mich herum gingen ebenso zügig über den Platz, nur schauten sie immer wieder nach oben. Aber das würde ihnen auch nicht viel bringen.
„Schnee im August!“, schimpfte ein Mann, an dem ich vorbei lief, und gestikulierte mit sei- nem Gehstock. Ich beachtete ihn nicht weiter, zog stattdessen meinen Hut tiefer ins Gesicht und sah mich um. Die Bäume, deren Blätter gestern schon abgerissen waren, blickten nur noch als gespenstisches Geäst durch das Schneegestöber. Dafür sah ich in knapper Entfernung deutlich einen schwarzen Regenschirm. Hinter ihm ragten Sandstein und gusseiserne Tore empor. Eigentlich war das kaum zu erkennen, doch ich fand mich wahrscheinlich auch mit geschlossenen Augen in der Stadt zurecht. Mein Ziel im Visier, peilte ich den Regenschirm an.
„Timothy, das wurde aber auch Zeit“, begrüßte mich eine junge Frau mit schwarzen Locken und heller Wollmütze. Ich duckte mich zu Rose unter den Schirm und sie hielt ihn etwas höher.
„Danke.“
Ein Hauch ihres Parfums erfüllte meine Nase. Noch bevor ich irgendwas sagen konnte, redete sie schon drauf los.
„Ich war bei deiner Mutter zu Hause. Hier“, sie streckte mir eine abgenutzte lederne Aktentasche entgegen, die mir ziemlich bekannt vorkam.
„Du warst im Büro meines Vaters?“, fragte ich und nahm die Tasche entgegen. „Brookstone hat mir befohlen, Unterlagen zu holen. Ich weiß, dass dir nicht gefällt, dass ich in seinem Büro war, aber lieber ich als jemand anderes von der Society, und sie haben eben die Vollmacht über seine Sachen.“ Sie machte eine kurze Pause, um Luft zu holen. „Ich glaube, es hat mit den Schneestürmen zu tun.“
„Aha“, machte ich bloß. Sie hatte recht mit den Unterlagen, aber es gefiel mir trotzdem nicht.
Der Schnee unter unseren Füßen knirschte, als wir am Friedhof vorbei in Richtung Stadtpark liefen.
„Was erhofft Brookstone sich von den Unterlagen? Du hättest mir auch Bescheid geben können, dann wäre ich mitgekommen.“ Mir ging das Bild von anderen Händen zwischen den Sachen meines Vaters einfach nicht aus dem Kopf.
„Das war ein Eilauftrag, du warst nicht zu Hause. Hätte ich dir eine Brieftaube schicken sollen?“
„Nein, die hätte mich bei dem Schneesturm nicht erreicht“, stieg ich trocken in ihren Sarkasmus ein. Sie verdrehte die Augen, doch ein Schmunzeln umspielte ihre geschminkten Lippen. Es störte mich nicht, dass Rose bei meiner Mutter zu Hause gewesen war. Wir waren nebeneinander aufgewachsen, hatten also sowieso schon fast beieinander gewohnt.
„Also, was ist da drin?“, fragte ich und hob die Tasche, während wir weiter an frostbedeck- ten Rosen vorbeigingen.
„Keine Ahnung.“
Fragend sah ich sie an.
„Ist nicht so, dass ich in seinen Sachen herumgewühlt habe. Ich habe nur die Ordner aus den Jahren eingepackt, die Brookstone will“, antwortete sie. Ich beäugte die Tasche aufs Neue.
„Das waren aber nicht sonderlich viele“, stellte ich fest.
„Aus welchen Jahren?“
Ich glaubte für einen kurzen Moment, Unsicherheit in ihren dunklen Augen zu sehen. „Neunzehnhundertelf und Neunzehnhundertzwölf.“
„Was?“
„Ich war auch überrascht.“ Sie zuckte mit den Schultern und mir fiel auf, dass sie vor Kälte zitterte. Wir liefen zügiger, es war nicht mehr weit bis zur Zentrale.
„Das muss ganz am Anfang seiner Zeit bei der Society gewesen sein“, meinte ich, wäh- rend das Rathaus Schritt für Schritt an uns vorbeizog. Der Weg hier war zum Glück gera- de erst freigeschaufelt worden, während die Autos neben uns bloß noch als Schneehaufen zu erkennen waren.
„Wir werden sehen. Wo warst du eigentlich heute?“
„In der Nähe vom Museum. Ein erneuter Einbruch und ich wollte einen Zeugen befragen“, antwortete ich widerwillig. Ich hatte eigentlich nur noch vor diesen Tag zu vergessen und war froh gewesen, als es hieß, dass es in der Zentrale etwas zu klären gab.
„Wie ist es gelaufen?“, fragte Rose. Von unseren verschiedenen Aufträgen durften wir uns gegenseitig eigentlich nichts erzählen, aber diese Regel vergaßen wir regelmäßig gekonnt.
„Er ist tot.“
Sie zog die Augenbrauen hoch.
„Oh.“
„Ja.“
„Du löst den Fall sicher noch“, meinte sie und tätschelte meinen Arm. Das hoffte ich. Schweigend gingen wir weiter, bis endlich das imposante Gebäude mit aufwendig geschmückter Fassade vor uns auftauchte. Die Zentrale. Säulen ragten auf verschiedenen Ebenen empor und Statuen blickten auf uns hinab. Ich fühlte mich von ihnen beobachtet, ebenso wie von den beiden Löwenstatuen, die links und rechts der breiten Treppe thronten.
Plötzlich huschte vor uns ein breiter Schatten über die Treppen. Blitzschnell sah ich in den Himmel, doch alles, was ich erkannte, war ein riesiger dunkler Fleck, der sich hinter den Wolken bewegte. Innerhalb von Sekunden wurde er blasser und verschwand schließlich ganz.
„Das ist heute schon einmal passiert, über dem Theater“, sagte Rose, die ihren Regen- schirm geschlossen hatte und mich jetzt besorgt anblickte.
„Ich finde es wird Zeit, dass Brookstone uns mitteilt, was hier los ist“, schnaubte ich, denn mein eigener Verdacht gefiel mir gar nicht und war obendrein auch noch total lächerlich. „Geduld Mr. Brown, Sie werden es gleich erfahren“, ertönte eine tiefe Stimme hinter uns. Am oberen Ende der Treppe stand ein Mann in Anzug, mit Gehstock und Monokel. Ganz in seiner gewohnten Form. Trotzdem war es ein seltsamer Anblick, ich konnte mich nicht daran erinnern, Brookstone jemals außerhalb seines Büros gesehen zu haben. Er nickte Rose zu und hob seinen Hut.
„Ms. Adams haben Sie, worum ich gebeten habe?“
„Ja, Mr. Brookstone.“
„Schön.“
Er verhielt sich nicht im geringsten, als ob es etwas dringendes zu besprechen gab. Er stand da, als würde er die Aussicht oder das Wetter genießen. Bis seine eisblauen Augen meine trafen und ich das unangenehme Gefühl bekam, er könne direkt in mich hinein- schauen. Ich kannte ihn mein ganzes Leben und fragte mich immer noch, wann ich seinen Blick wohl endlich gewohnt sein würde.
„Haben Sie beide vor, einzuschneien, oder können wir dann?“, unterbrach er die kurze Stille, die sich zwischen uns ausgebreitet hatte.
„Wir können“, meinte ich uns setzte mich in Bewegung. Ich wollte endlich wissen, was in der Tasche war. Brookstone lief ungewöhnlich zügig für seine Verhältnisse. Das beruhigte mich nicht im geringsten, im Gegenteil. Es brauchte einiges, um meinen Vorgesetzten aus der Ruhe zu bringen. Es schien, als würde meine Hand um den glatten Ledergriff förmlich kribbeln, während wir das Vestibül betraten. Ich bewunderte den Architekt des Hauses für seine Arbeit. Es war, als ob er gewusst hatte, dass er unsere zukünftige Zentrale baute. Die seitlichen Arkadengänge, die gemusterten Bodenfliesen, das helle Gestein und die eindrucksvolle Freitreppe harmonierten miteinander, als wären sie eine Gesellschaft für sich.
„Guten Abend Mr. Brown“, riss mich der schlaksige Rezeptionist zu meiner Rechten aus den Gedanken. Er war von seinem Stuhl aufgesprungen und sah mich nun begeistert durch seine dicken Brillengläser an.
„Abend, Harris.“ Ich nickte ihm zu und wandte mich zum Weitergehen, als er mich wieder aufhielt.
„Ich hörte von ihrem Einsatz letzte Woche, Mr. Brown. Sind sie wirklich von einem Dach gesprungen?“
„Ja.“ Sonderlich viel mehr hatte ich dazu nicht zu sagen. Der Einsatz schien mir ewig her, aber so ging es mir mit fast jedem Auftrag, seit ich bei der Wings-Society war. Erst glaubte ich, Harris würde mich weiter mit Fragen löchern, doch dann geriet zum Glück Rose in sein Blickfeld, die damit beschäftigt war, ihre Locken zu bändigen, nachdem sie die Mütze abgenommen hatte. Damit war ich bei Harris erstmal komplett in Vergessenheit geraten. Jetzt hätte ich vor seiner Nase von einem Dach springen können, ohne dass er es mitbekäme.
„Guten Abend Mr. Harris“, grüßte Rose ihn, noch bevor er ein Wort rausbekam. Sie bat ihn, den nassen Schirm bei sich zu halten, den er an der falschen Seite griff und sich dann unbeholfen die nasse Hand am Hemd trocknete, das jetzt einen Fleck davontragen musste. „Harris, wir haben es eilig.“ Brookstones Stimme donnerte durch die Halle und dafür hatte er nicht mal laut sprechen müssen. Die Hälfte der Treppen schon hinter sich, sah er mit wippendem Fuß zu uns runter. Ich wartete, bis Rose zu mir aufschloss und kurz darauf öffnete Brookstone uns die Tür zu seinem Büro im rechten Arkadengang. Wir sammelten uns in seinem mollig warmen Büro wieder. Die Bodenfliesen wurden von dunklen Holzdielen  abgelöst und der vertraute Geruch von Zigarren und Leder erfüllte meine Nase. Ich hängte Hut und Mantel an den Garderobenständer neben der Tür und erntete einen entgeisterten Blick von Rose, die schon mit ausgestreckten Händen vor dem prasselnden Kaminfeuer stand und jetzt realisierte, dass ich bloß ein kurzärmliges Oberteil unter dem Mantel trug. Ich grinste sie an und zuckte mit den Schultern.
Brookstone stand natürlich schon vor seinem Barschränkchen und forderte uns auf, Platz zu nehmen. Er deutete nicht wie sonst auf seinen edlen dunklen Schreibtisch, sondern auf
die lederne Sitzgruppe vor dem Kamin. Ich merkte Roses Freude darüber, dass wir näher am Feuer blieben, als sie sich neben mir niederließ.
„Möchten sie etwas trinken? Tee, Kaffee? Whiskey?“, fragte Brookstone.
„Ich schätze, das hängt ganz davon ab, worüber sie gleich mit uns reden werden“, antwortete ich.
Er schmunzelte und stellte wie üblich eine Tasse schwarzen Kaffee vor mir und einen Tee vor Rose ab.
„Danke“, sagten wir im Chor. Ich lehnte mich vor und sah Brookstone erwartungsvoll an, der sich im Sessel gegenüber niederließ, ein Glas bernsteinfarbener Flüssigkeit in seiner Hand.
„Um Übliches wird es wohl kaum gehen“, begann ich. „Wofür brauchen sie die Unterlagen? Wird ein Fall neu aufgerollt?“
„Ich weiß noch nicht, ob sie uns helfen“, antwortete Brookstone und nippte an seinem Glas. Seine Ruhe kam mir nicht mehr wie Ruhe vor, sondern Unbeholfenheit. Allmählich ging mir die Geduld aus. Rose anscheinend auch.
„Was soll das heißen? Sie haben Unterlagen verlangt, deren Inhalte Sie nicht kennen?“, fragte sie.
Ich wartete seine Antwort gar nicht erst ab, sondern zerrte den Reißverschluss der Tasche auf.
„Warten Sie, Mr. Brown.“
Die Hand schon zwischen dem Leder, hielt ich inne und sah auf.
„Ich habe durchaus Ahnung von dem Inhalt, wenn auch keine sehr genaue.“ Ich zog eine Augenbraue hoch, doch davon ließ er sich nicht beirren.
„Es wäre besser, wenn wir erst die letzten Tage noch einmal durchgehen.“ Er begann vom Schneesturm zu reden.
„Minusgrade aus dem Nichts, Schnee, bei dem der Verkehr ausfällt. Schatten, die hinter einer scheinbar weißen Schutzschicht auftauchen und die ersten Bürger, die anfangen sich jegliche Verschwörungstheorien auszudenken. Kommt ihnen das bekannt vor?“
Ich biss die Zähne zusammen, doch rührte mich nicht weiter. Ich hasste dieses Spiel. Er fragte nach Dingen, deren Antwort er kannte.
„Das gab es doch schonmal. So einen Schneesturm im August, nicht wahr? Neunzehnhundertelf.“ Rose schlang die Finger um ihre Tasse und sah zwischen Brookstone, der Tasche und mir hin und her.
„Na schön. Also langsam komme ich nicht mehr mit.“ Sie stellte ihre Tasse ab, schloss die Augen und begann laut nachzudenken während sie sich die Schläfen rieb.
„Diese Schatten… Kampfflugzeuge wären zu laut…“
„Brookstone denkt, es wären Wesen“, unterbrach ich ihre Denkerei. Mein Vorgesetzter schwieg.
„Wesen?“, wiederholte Rose.
„Ja, Wesen. Kreaturen – irgendwelche Hirngespinste, die mein Vater damals hatte, nichts, was uns hilft.“
„Deswegen die Unterlagen. Aber…“ Sie verstummte wieder, offensichtlich fiel ihr dazu keine Frage mehr ein. Sie gab ihre Haltung auf und lehnte sich erschöpft gegen das Rückenpolster. Brookstone sah mich noch immer ruhig an, seine typische Haltung, hinter der sich sonst was verbergen konnte, ohne dass jemand wusste, was in ihm vorging.
Ich zog zwei dünne Mappen hervor. Das sah meinem Vater überhaupt nicht ähnlich. Ich kannte keine Mappe von ihm, die nicht mindestens einen Finger breit war. Für gewöhnlich hatte er alles mit ausführlichster Genauigkeit niedergeschrieben.
„Timothy, was hat dein Vater dir darüber erzählt?“ Wenn mein Vorgesetzter mich mit einem Vornamen ansprach, dann fiel die geschäftliche Barriere zwischen uns, aber im Moment fühlte ich mich dabei überhaupt nicht wohl.
„Gute-Nacht-Geschichten, Märchen“, antwortete ich. Allzu genau konnte ich mich nicht daran erinnern. Mein Vater hatte irgendwann damit aufgehört und zur Zeit des ersten Schneesturms hatte es mich noch nicht einmal gegeben. Brookstone löste sich aus seiner Starre und trat ans Fenster. Normalerweise konnte man auf die Straße sehen, doch es rieselten immer noch unaufhörlich dicke Flocken hinab.
„Mr. Brown, Ms. Adams.“ Er versuchte sichtlich, die richtigen Worte zu finden.
„Wir wissen nicht, was unser Auftrag ist.“
„Sie glauben also wirklich an diese Hirngespinste?“, fragte ich.
„Ihre Zweifel sind berechtigt und ich erwarte nicht, dass sie jetzt schon verstehen, worum es mir geht. Aber sie gehören zu meinen vertrauenswertesten Leuten und ich möchte Sie bereit wissen.“
Ich lehnte keine Aufträge ab. Wenn es das war, was er für den momentanen Zeitpunkt ver- langte, dann würde ich es erfüllen. Also nickte ich.
„Bereit wofür?“, fragte Rose. Brookstone sah in den Himmel, der sich dem Abend neigend immer grauer wurde.
„Für den Moment, in dem wir unseren Auftrag erfahren. Ich bin sicher, dieser wird nicht mehr lange auf sich warten lassen.“

Catarina da Silva ©privat
Catarina da Silva: "Schnee im August" Ich zog meinen schwarzen Mantel enger um mich und versuchte durch Blinzeln den Schneeflocken zu trotzen, die mir, getrieben vom Wind, entgegenflogen. Die Leute um mich herum gingen ebenso zügig über den Platz, nur schauten sie immer wieder nach oben. Aber das würde ihnen auch nicht viel bringen. „Schnee im August!“, schimpfte ein Mann, an dem ich vorbei lief, und gestikulierte mit sei- nem Gehstock. Ich beachtete ihn nicht weiter, zog stattdessen meinen Hut tiefer ins Gesicht und sah mich um. Die Bäume, deren Blätter gestern schon abgerissen waren, blickten nur noch als gespenstisches Geäst durch das Schneegestöber. Dafür sah ich in knapper Entfernung deutlich einen schwarzen Regenschirm. Hinter ihm ragten Sandstein und gusseiserne Tore empor. Eigentlich war das kaum zu erkennen, doch ich fand mich wahrscheinlich auch mit geschlossenen Augen in der Stadt zurecht. Mein Ziel im Visier, peilte ich den Regenschirm an. „Timothy, das wurde aber auch Zeit“, begrüßte mich eine junge Frau mit schwarzen Locken und heller Wollmütze. Ich duckte mich zu Rose unter den Schirm und sie hielt ihn etwas höher. „Danke.“ Ein Hauch ihres Parfums erfüllte meine Nase. Noch bevor ich irgendwas sagen konnte, redete sie schon drauf los. „Ich war bei deiner Mutter zu Hause. Hier“, sie streckte mir eine abgenutzte lederne Aktentasche entgegen, die mir ziemlich bekannt vorkam. „Du warst im Büro meines Vaters?“, fragte ich und nahm die Tasche entgegen. „Brookstone hat mir befohlen, Unterlagen zu holen. Ich weiß, dass dir nicht gefällt, dass ich in seinem Büro war, aber lieber ich als jemand anderes von der Society, und sie haben eben die Vollmacht über seine Sachen.“ Sie machte eine kurze Pause, um Luft zu holen. „Ich glaube, es hat mit den Schneestürmen zu tun.“ „Aha“, machte ich bloß. Sie hatte recht mit den Unterlagen, aber es gefiel mir trotzdem nicht. Der Schnee unter unseren Füßen knirschte, als wir am Friedhof vorbei in Richtung Stadtpark liefen. „Was erhofft Brookstone sich von den Unterlagen? Du hättest mir auch Bescheid geben können, dann wäre ich mitgekommen.“ Mir ging das Bild von anderen Händen zwischen den Sachen meines Vaters einfach nicht aus dem Kopf. „Das war ein Eilauftrag, du warst nicht zu Hause. Hätte ich dir eine Brieftaube schicken sollen?“ „Nein, die hätte mich bei dem Schneesturm nicht erreicht“, stieg ich trocken in ihren Sarkasmus ein. Sie verdrehte die Augen, doch ein Schmunzeln umspielte ihre geschminkten Lippen. Es störte mich nicht, dass Rose bei meiner Mutter zu Hause gewesen war. Wir waren nebeneinander aufgewachsen, hatten also sowieso schon fast beieinander gewohnt. „Also, was ist da drin?“, fragte ich und hob die Tasche, während wir weiter an frostbedeck- ten Rosen vorbeigingen. „Keine Ahnung.“ Fragend sah ich sie an. „Ist nicht so, dass ich in seinen Sachen herumgewühlt habe. Ich habe nur die Ordner aus den Jahren eingepackt, die Brookstone will“, antwortete sie. Ich beäugte die Tasche aufs Neue. „Das waren aber nicht sonderlich viele“, stellte ich fest. „Aus welchen Jahren?“ Ich glaubte für einen kurzen Moment, Unsicherheit in ihren dunklen Augen zu sehen. „Neunzehnhundertelf und Neunzehnhundertzwölf.“ „Was?“ „Ich war auch überrascht.“ Sie zuckte mit den Schultern und mir fiel auf, dass sie vor Kälte zitterte. Wir liefen zügiger, es war nicht mehr weit bis zur Zentrale. „Das muss ganz am Anfang seiner Zeit bei der Society gewesen sein“, meinte ich, wäh- rend das Rathaus Schritt für Schritt an uns vorbeizog. Der Weg hier war zum Glück gera- de erst freigeschaufelt worden, während die Autos neben uns bloß noch als Schneehaufen zu erkennen waren. „Wir werden sehen. Wo warst du eigentlich heute?“ „In der Nähe vom Museum. Ein erneuter Einbruch und ich wollte einen Zeugen befragen“, antwortete ich widerwillig. Ich hatte eigentlich nur noch vor diesen Tag zu vergessen und war froh gewesen, als es hieß, dass es in der Zentrale etwas zu klären gab. „Wie ist es gelaufen?“, fragte Rose. Von unseren verschiedenen Aufträgen durften wir uns gegenseitig eigentlich nichts erzählen, aber diese Regel vergaßen wir regelmäßig gekonnt. „Er ist tot.“ Sie zog die Augenbrauen hoch. „Oh.“ „Ja.“ „Du löst den Fall sicher noch“, meinte sie und tätschelte meinen Arm. Das hoffte ich. Schweigend gingen wir weiter, bis endlich das imposante Gebäude mit aufwendig geschmückter Fassade vor uns auftauchte. Die Zentrale. Säulen ragten auf verschiedenen Ebenen empor und Statuen blickten auf uns hinab. Ich fühlte mich von ihnen beobachtet, ebenso wie von den beiden Löwenstatuen, die links und rechts der breiten Treppe thronten. Plötzlich huschte vor uns ein breiter Schatten über die Treppen. Blitzschnell sah ich in den Himmel, doch alles, was ich erkannte, war ein riesiger dunkler Fleck, der sich hinter den Wolken bewegte. Innerhalb von Sekunden wurde er blasser und verschwand schließlich ganz. „Das ist heute schon einmal passiert, über dem Theater“, sagte Rose, die ihren Regen- schirm geschlossen hatte und mich jetzt besorgt anblickte. „Ich finde es wird Zeit, dass Brookstone uns mitteilt, was hier los ist“, schnaubte ich, denn mein eigener Verdacht gefiel mir gar nicht und war obendrein auch noch total lächerlich. „Geduld Mr. Brown, Sie werden es gleich erfahren“, ertönte eine tiefe Stimme hinter uns. Am oberen Ende der Treppe stand ein Mann in Anzug, mit Gehstock und Monokel. Ganz in seiner gewohnten Form. Trotzdem war es ein seltsamer Anblick, ich konnte mich nicht daran erinnern, Brookstone jemals außerhalb seines Büros gesehen zu haben. Er nickte Rose zu und hob seinen Hut. „Ms. Adams haben Sie, worum ich gebeten habe?“ „Ja, Mr. Brookstone.“ „Schön.“ Er verhielt sich nicht im geringsten, als ob es etwas dringendes zu besprechen gab. Er stand da, als würde er die Aussicht oder das Wetter genießen. Bis seine eisblauen Augen meine trafen und ich das unangenehme Gefühl bekam, er könne direkt in mich hinein- schauen. Ich kannte ihn mein ganzes Leben und fragte mich immer noch, wann ich seinen Blick wohl endlich gewohnt sein würde. „Haben Sie beide vor, einzuschneien, oder können wir dann?“, unterbrach er die kurze Stille, die sich zwischen uns ausgebreitet hatte. „Wir können“, meinte ich uns setzte mich in Bewegung. Ich wollte endlich wissen, was in der Tasche war. Brookstone lief ungewöhnlich zügig für seine Verhältnisse. Das beruhigte mich nicht im geringsten, im Gegenteil. Es brauchte einiges, um meinen Vorgesetzten aus der Ruhe zu bringen. Es schien, als würde meine Hand um den glatten Ledergriff förmlich kribbeln, während wir das Vestibül betraten. Ich bewunderte den Architekt des Hauses für seine Arbeit. Es war, als ob er gewusst hatte, dass er unsere zukünftige Zentrale baute. Die seitlichen Arkadengänge, die gemusterten Bodenfliesen, das helle Gestein und die eindrucksvolle Freitreppe harmonierten miteinander, als wären sie eine Gesellschaft für sich. „Guten Abend Mr. Brown“, riss mich der schlaksige Rezeptionist zu meiner Rechten aus den Gedanken. Er war von seinem Stuhl aufgesprungen und sah mich nun begeistert durch seine dicken Brillengläser an. „Abend, Harris.“ Ich nickte ihm zu und wandte mich zum Weitergehen, als er mich wieder aufhielt. „Ich hörte von ihrem Einsatz letzte Woche, Mr. Brown. Sind sie wirklich von einem Dach gesprungen?“ „Ja.“ Sonderlich viel mehr hatte ich dazu nicht zu sagen. Der Einsatz schien mir ewig her, aber so ging es mir mit fast jedem Auftrag, seit ich bei der Wings-Society war. Erst glaubte ich, Harris würde mich weiter mit Fragen löchern, doch dann geriet zum Glück Rose in sein Blickfeld, die damit beschäftigt war, ihre Locken zu bändigen, nachdem sie die Mütze abgenommen hatte. Damit war ich bei Harris erstmal komplett in Vergessenheit geraten. Jetzt hätte ich vor seiner Nase von einem Dach springen können, ohne dass er es mitbekäme. „Guten Abend Mr. Harris“, grüßte Rose ihn, noch bevor er ein Wort rausbekam. Sie bat ihn, den nassen Schirm bei sich zu halten, den er an der falschen Seite griff und sich dann unbeholfen die nasse Hand am Hemd trocknete, das jetzt einen Fleck davontragen musste. „Harris, wir haben es eilig.“ Brookstones Stimme donnerte durch die Halle und dafür hatte er nicht mal laut sprechen müssen. Die Hälfte der Treppen schon hinter sich, sah er mit wippendem Fuß zu uns runter. Ich wartete, bis Rose zu mir aufschloss und kurz darauf öffnete Brookstone uns die Tür zu seinem Büro im rechten Arkadengang. Wir sammelten uns in seinem mollig warmen Büro wieder. Die Bodenfliesen wurden von dunklen Holzdielen  abgelöst und der vertraute Geruch von Zigarren und Leder erfüllte meine Nase. Ich hängte Hut und Mantel an den Garderobenständer neben der Tür und erntete einen entgeisterten Blick von Rose, die schon mit ausgestreckten Händen vor dem prasselnden Kaminfeuer stand und jetzt realisierte, dass ich bloß ein kurzärmliges Oberteil unter dem Mantel trug. Ich grinste sie an und zuckte mit den Schultern. Brookstone stand natürlich schon vor seinem Barschränkchen und forderte uns auf, Platz zu nehmen. Er deutete nicht wie sonst auf seinen edlen dunklen Schreibtisch, sondern auf die lederne Sitzgruppe vor dem Kamin. Ich merkte Roses Freude darüber, dass wir näher am Feuer blieben, als sie sich neben mir niederließ. „Möchten sie etwas trinken? Tee, Kaffee? Whiskey?“, fragte Brookstone. „Ich schätze, das hängt ganz davon ab, worüber sie gleich mit uns reden werden“, antwortete ich. Er schmunzelte und stellte wie üblich eine Tasse schwarzen Kaffee vor mir und einen Tee vor Rose ab. „Danke“, sagten wir im Chor. Ich lehnte mich vor und sah Brookstone erwartungsvoll an, der sich im Sessel gegenüber niederließ, ein Glas bernsteinfarbener Flüssigkeit in seiner Hand. „Um Übliches wird es wohl kaum gehen“, begann ich. „Wofür brauchen sie die Unterlagen? Wird ein Fall neu aufgerollt?“ „Ich weiß noch nicht, ob sie uns helfen“, antwortete Brookstone und nippte an seinem Glas. Seine Ruhe kam mir nicht mehr wie Ruhe vor, sondern Unbeholfenheit. Allmählich ging mir die Geduld aus. Rose anscheinend auch. „Was soll das heißen? Sie haben Unterlagen verlangt, deren Inhalte Sie nicht kennen?“, fragte sie. Ich wartete seine Antwort gar nicht erst ab, sondern zerrte den Reißverschluss der Tasche auf. „Warten Sie, Mr. Brown.“ Die Hand schon zwischen dem Leder, hielt ich inne und sah auf. „Ich habe durchaus Ahnung von dem Inhalt, wenn auch keine sehr genaue.“ Ich zog eine Augenbraue hoch, doch davon ließ er sich nicht beirren. „Es wäre besser, wenn wir erst die letzten Tage noch einmal durchgehen.“ Er begann vom Schneesturm zu reden. „Minusgrade aus dem Nichts, Schnee, bei dem der Verkehr ausfällt. Schatten, die hinter einer scheinbar weißen Schutzschicht auftauchen und die ersten Bürger, die anfangen sich jegliche Verschwörungstheorien auszudenken. Kommt ihnen das bekannt vor?“ Ich biss die Zähne zusammen, doch rührte mich nicht weiter. Ich hasste dieses Spiel. Er fragte nach Dingen, deren Antwort er kannte. „Das gab es doch schonmal. So einen Schneesturm im August, nicht wahr? Neunzehnhundertelf.“ Rose schlang die Finger um ihre Tasse und sah zwischen Brookstone, der Tasche und mir hin und her. „Na schön. Also langsam komme ich nicht mehr mit.“ Sie stellte ihre Tasse ab, schloss die Augen und begann laut nachzudenken während sie sich die Schläfen rieb. „Diese Schatten... Kampfflugzeuge wären zu laut...“ „Brookstone denkt, es wären Wesen“, unterbrach ich ihre Denkerei. Mein Vorgesetzter schwieg. „Wesen?“, wiederholte Rose. „Ja, Wesen. Kreaturen – irgendwelche Hirngespinste, die mein Vater damals hatte, nichts, was uns hilft.“ „Deswegen die Unterlagen. Aber...“ Sie verstummte wieder, offensichtlich fiel ihr dazu keine Frage mehr ein. Sie gab ihre Haltung auf und lehnte sich erschöpft gegen das Rückenpolster. Brookstone sah mich noch immer ruhig an, seine typische Haltung, hinter der sich sonst was verbergen konnte, ohne dass jemand wusste, was in ihm vorging. Ich zog zwei dünne Mappen hervor. Das sah meinem Vater überhaupt nicht ähnlich. Ich kannte keine Mappe von ihm, die nicht mindestens einen Finger breit war. Für gewöhnlich hatte er alles mit ausführlichster Genauigkeit niedergeschrieben. „Timothy, was hat dein Vater dir darüber erzählt?“ Wenn mein Vorgesetzter mich mit einem Vornamen ansprach, dann fiel die geschäftliche Barriere zwischen uns, aber im Moment fühlte ich mich dabei überhaupt nicht wohl. „Gute-Nacht-Geschichten, Märchen“, antwortete ich. Allzu genau konnte ich mich nicht daran erinnern. Mein Vater hatte irgendwann damit aufgehört und zur Zeit des ersten Schneesturms hatte es mich noch nicht einmal gegeben. Brookstone löste sich aus seiner Starre und trat ans Fenster. Normalerweise konnte man auf die Straße sehen, doch es rieselten immer noch unaufhörlich dicke Flocken hinab. „Mr. Brown, Ms. Adams.“ Er versuchte sichtlich, die richtigen Worte zu finden. „Wir wissen nicht, was unser Auftrag ist.“ „Sie glauben also wirklich an diese Hirngespinste?“, fragte ich. „Ihre Zweifel sind berechtigt und ich erwarte nicht, dass sie jetzt schon verstehen, worum es mir geht. Aber sie gehören zu meinen vertrauenswertesten Leuten und ich möchte Sie bereit wissen.“ Ich lehnte keine Aufträge ab. Wenn es das war, was er für den momentanen Zeitpunkt ver- langte, dann würde ich es erfüllen. Also nickte ich. „Bereit wofür?“, fragte Rose. Brookstone sah in den Himmel, der sich dem Abend neigend immer grauer wurde. „Für den Moment, in dem wir unseren Auftrag erfahren. Ich bin sicher, dieser wird nicht mehr lange auf sich warten lassen.“