Worldbuilding & Atmosphäre – immersive Welten erschaffen und Spielorte gestalten
Von Catarina Da Silva und Moritz Hildt
Jede Geschichte entführt in eine andere Welt. Manche dieser literarischen Welten sehen der unseren zum Verwechseln ähnlich, während andere schon auf den ersten Blick sehr viel fremder wirken als unser „Alltag“. Das gilt insbesondere dann, wenn es sich um eine neu erfundene, fantastische Welt handelt. Für viele Schreibende liegt genau hier einer der reizvollsten Aspekte am Geschichtenschreiben: das Erschaffen und das Ausgestalten einer Welt, mit anderen Worten: das Worldbuilding.
Die Kreativität hat hier eine unbeschriebene, unbegrenzte Spielfläche, auf der sie sich so richtig austoben kann. Das sorgt wiederum dafür, dass viele Autoren und Autorinnen sich während des Worldbuildings von der Fülle ihrer Ideen mitreißen lassen. Dadurch kann der Blick dafür verloren gehen, was die Welt eigentlich wirklich braucht und wie relevant bestimmte Informationen für die Handlung und die Atmosphäre sind (und welche nicht).
Wir setzen uns also im Folgenden damit auseinander, was bei dem Bilden einer fantastischen Welt nicht fehlen darf und wie man mit dem Beschreiben von Spielorten umgeht, sodass sie in der Geschichte plausibel, authentisch und – insbesondere im Falle der Orte selbst – atmosphärisch in Erscheinung treten. Wir konzentrieren uns dabei näher auf das Worldbuilding für Fantasywelten, die wesentlichen Punkte gelten aber auch über die Fantasyliteratur hinaus für jegliche Art von literarischen Welten.
Ein kleiner Hinweis zu Beginn
Beschäftigt man sich mit Worldbuilding, findet man früher oder später im Internet wunderbare Listen, auf denen alles steht, was zum System einer fantastischen Welt gehört. Doch bevor wir mit diesen Details starten, hier ein wichtiger Grundsatz des Worldbuildings: Was man als Leserin oder Leser über die Welt erfährt, sollte zum größten Teil der in ihr erzählten Geschichte dienen.
Das Beschränken auf diejenigen Aspekte, die für die Handlung und ihre Figuren relevant sind, verringert die Gefahr, dass die Lesenden mit zu viel Information überhäuft werden, und dann als Folge Teile des Erzählten als unwichtig wahrnehmen oder sich schlimmstenfalls langweilen. Außerdem kann das geballte Erklären komplexer Welten – gerade zu Beginn des Romans – zunächst für Verwirrung sorgen und so erschweren, dass man sich als Lesende in der neuen Welt einfindet.
Eine dreidimensionale, authentische Welt gestalten
Fantastische Welten treten in verschiedenen (literarischen) Erscheinungsformen auf: Unter High Fantasyversteht man Fantasyliteratur, deren Geschichte in einer eigenen, vollständig neu erfundenen Welt spielt, wie beispielsweise in Herr der Ringe. In Urban Fantasy findet man stattdessen eine fantastische Welt vor, die unsere reale Welt ergänzt, wie es in Harry Potter der Fall ist. In beiden Fällen gilt dasselbe: Die Eigenschaften der Welten sollten plausibel und authentisch sein. Das bedeutet im Grunde, dass die Welt in der Art, wie sie funktioniert, möglichst nachvollziehbar und zwar manchmal rätselhaft, nie aber willkürlich scheinen soll. Dies lässt sich auch mithilfe unseres genannten Grundsatzes vermeiden, nämlich, dass das Worldbuilding der Geschichte dienen sollte.
Den Aufbau der Eigenschaften kann man sich ähnlich einer dreistufigen Pyramide vorstellen. Für die Basis gilt, sich zu überlegen, wie die Welt geografisch ungefähr aufgebaut ist und wie sie politisch, wirtschaftlichund gesellschaftlich funktioniert. Wenn Magie im Fantasy-Roman vorkommt, ist hier auch die Stufe, auf der man das Magiesystem ausarbeiten sollte. Das heißt: welche Regeln für die Magie gelten, wie sie funktioniert und mit den gesellschaftlichen Systemen zusammenhängt. Auf der darauffolgenden Stufe werden die genannten Aspekte genauer ausgebaut – welches Klima herrscht in den für die Geschichte relevanten Regionen? Welche Regierungsformen und Völkergruppen gibt es und wie stehen diese zueinander? Gibt es ein Glaubenssystem, gibt es mehrere? Die Spitze der Pyramide bilden die Details zu den jeweiligen Eigenschaften und Zusammenhängen. Hier kannst du dir überlegen, welche Konflikte bestehen, welche historischen Ereignisse noch von Bedeutung sind und weitere Feinheiten ausbauen, die deine Welt dreidimensionaler machen.
Von entscheidender Wichtigkeit ist es, all diese Überlegungen immer einzurahmen von der Frage: Welche Teile davon spielen eine Rolle für die Hauptfigur und die Handlung? Nach wie vor gilt, dass wir als Schreibende unsere Welt genauestens kennen sollten, doch in der Geschichte meistens nur die Information vermitteln, die aktuell relevant für eine Szene, den Konflikt oder das Leben der Figuren in dieser Welt ist.
Die Beschreibung von Orten
Viele Schreibende haben Schwierigkeiten damit, Orte zu beschreiben. Nicht, weil es ihnen an den richtigen Worten mangelt, sondern oftmals, weil es eine Herausforderung darstellt, zu entscheiden, wie viel Information zu wenig und wie viel zu viel ist, und ob die Reihenfolge der einzelnen Beschreibungen den erwünschten Effekt erzielt: dass sich im Kopf der Lesenden auf harmonische Art ein konkretes Bild formt.
Um starke Sprünge im Gedankenstrom zu vermeiden, gibt es ein paar Schemata, die helfen können:
Vom Ganzen zum Detail:
Hier beginnst du zuerst damit, das weite Bild zu beschreiben, beispielsweise bei Landschaften – deine Figur nimmt eine vor ihr liegende Gebirgskette wahr, bevor ihr Einzelheiten wie der davor liegende kleine Wald oder der Schnee auf den Gipfeln bewusst auffallen.
Im geschlossenen Raum lässt sich das beispielsweise an der Möblierung hin zu Dekorationsdetails verdeutlichen.
Vom Detail zum Ganzen:
Hier formst du das Gesamtbild langsamer und Stück für Stück. Vielleicht sind es Vorhänge eines Raumes, Sinneseindrücke wie der Geruch oder eine verzierte Uhr, die deiner Figur – je nach Bedeutung – auffallen, bevor sie die Umgebung weiter betrachtet.
Wann ist es zu viel Beschreibung? Es ist immer auch eine Sache der Lesepräferenz, ob man lieber ein ausführliches oder ein vages Bild vermittelt bekommt. Doch grundsätzlich wird die ausführliche Beschreibung eines Ortes in dem Moment zu viel, in dem sie für die Lesenden irrelevant ist.
Ein Beispiel für ausführliche Ortsbeschreibungen ist J.R.R. Tolkien mit seinen bekannten, ausführlichen Naturbeschreibungen in Herr der Ringe. Selbst wenn man zu den Lesenden gehört, die Ausführlichkeit mögen, weiß man ab Seite 300 allmählich, wie ein Tal in dieser Welt aussieht. Wenn es also einen Schauplatz gibt, der wiederholt in der Geschichte vorkommt, lernt man ihn zu Beginn kennen und es bedarf nicht bei jeder Szene, die dort spielt, einer weiteren ausführlichen Beschreibung – zu diesem Zeitpunkt droht eine Beschreibung repetitiv zu werden und zieht einen eher aus dem harmonischen Lesestrom der Geschichte.
Eine Ausnahme hierzu bilden Beschreibungen aus wechselnden Figurenperspektiven. Wenn also eine Figur einen Schauplatz gerade zum ersten Mal sieht, kann hier durchaus nochmal etwas knapper beschrieben werden, welche Teile diese Figur nun wahrnimmt –besonders spannend kann es werden, wenn sie dann Dinge beobachtet, die auch den Lesenden neu sind.
Ein Life-Hack, um Orte und Welten atmosphärisch lebendig zu gestalten?
Wenn wir uns ins Worldbuilding stürzen und uns mit großer Begeisterung – wie es sein soll! – die Welt(en) ausmalen, in der unsere Geschichte spielen wird und die Handlungsorte vor unserem inneren Auge entstehen lassen, dann denken wir vor allem an das Sichtbare. Und über die Beschreibung dessen, was gesehen werden kann, läuft auch in den Geschichten viel von der Vermittlung unserer Welt an die Lesenden. Aber wir Menschen, wie auch unsere Figuren, haben fünf Sinne und es lohnt sich, beim Worldbuilding alle miteinzubeziehen: Frag dich also nicht nur, wie dein Handlungsort aussieht, sondern stelle dir auch Fragen wie: Wonach riecht es dort? Fühlt sich die Luft kalt oder warm an, geht womöglich ein starker Wind oder ist es absolut windstill? Was kann die Figur hören, wenn sie dort für einen Moment innehält? Welches Grundgefühl ruft der Ort in deiner Figur hervor, die sich dort befindet: ist es Geborgenheit oder eher Bedrohung, oder…? Atmosphäre liegt daher insbesondere in den Details. Oftmals bedarf es weniger Beschreibung dessen, was sichtbar ist, dafür intensivere sinnliche Wahrnehmung der Figur, um einen Ort wirklich lebendig anfühlen zu lassen. Die sinnlichen Details können außerdem viel über einen Ort verraten – was bedeutet es, wenn es in der Gasse einer Stadt nach erhitztem Abfall oder Alkohol riecht?
Indem du auf diese Weise deine Welt und deine Handlungsorte anreicherst, wirst du also schnell merken, wie atmosphärisch sie werden – und die Lust der Lesenden, sich unter deiner erzählenden Leitung in diese nun immersiven Welten hineinzubegeben, wird umso größer werden.
Eine Autorin erzählt, wie sie das Worldbuilding in ihren Geschichten angeht:

Meine letzte Welt für ein Fantasyprojekt hat ihren Ausgangspunkt in der Atmosphäre von Herbststürmen genommen und auch für eine Science-Fiction-Geschichte wollte ich eine drückend staubige Hitze einfangen, also: Welche allgemeine Atmosphäre in der Welt herrschen soll, ist ein wichtiger Ankerpunkt bei mir.
Coole Dinge sind oft entstanden, wenn ich versucht habe, für bekannte Konzepte (Magie, riesige Wälder) andere Erklärungen/Ausgestaltungen zu finden. Zum Beispiel ist Magie in einer Welt eine zähe schwarze Flüssigkeit, die Landstriche wie ein Meer bedeckt und die Wälder sind nicht besonders groß, es schrumpfen nur die, die sie betreten. Davon ausgehend spinne ich dann weiter, wie das die Figuren/Gesellschaften/Tiere… beeinflusst, die mit dem Phänomen zu tun haben, bis sich ein konsistentes, detailliertes Gefüge ergibt. Eine gute Hilfe ist es dabei, Kurzgeschichten zu schreiben, die sich speziell auf einen Aspekt des World-Buildings beschränken. – Felicitas Kaiser, Autorin und Teilnehmerin des Jungen Schriftstellerhaus.

