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10. Dezember ’21

Sitze im Weltcafé, schreibe, trinke erstmals hier in Stuttgart einen Einspänner mit Schuss und gehe in mein letztes Wochenende hinein – habe lange daran gedacht, wie ich meinen Abschied begehen kann, wie soll ich diese drei Monate, die keine wirklichen drei Monate waren, da ich immer wieder in Wien, Berlin, Köln, Frankfurt verbrachte und anschließend nach Graz fahren werde, Revue passieren lassen?

Irgendwie schmerzt es, irgendwo lässt mich der Gedanke nicht los, dass ich noch gut ein paar Tage, vielleicht zwei bis drei Wochen oder ein ganzes Monat dranhängen könnte; irgendwie ist da immer dieser Wunsch, noch einige Zeit hier zu sein, aber auch der Gedanken an Rückkehr, an ABFAHRT/ANKUNFT und somit auch diese verbundene Hoffnung die Menschen, die warten (die ich mir wünsche, dass sie auf mich warten) bald wiedersehen zu können und wie ich mich freue, sie in meine Arme zu schließen, sie wieder halten zu dürfen.

Stuttgart war gut zu mir – immer wieder gut habe ich gesagt: Sugartown, eine Stadt, die mir schon durch die Erzählungen von mir lieben Menschen zu etwas Besonderem wurde (trotz gewisser Hässlichkeit) und je länger ich sie wahrnehme, desto mehr scheint sie auch mich wahrzunehmen, scheint mir Möglichkeiten zu eröffnen, scheint mich Menschen in die Arme zu treiben, die mir ein altes, von mir vergessenes Ich zeigen (jugendlich, dumm und mit viel Neugier).

Wie viele Überschneidungen ergaben sich hier, wie viele Anfänge und Neuanfänge scheinen sich aufzutun und hier zusammenzulaufen – welches Wiedersehen oder Kennenlernen all jener Menschen, die man vielleicht nur peripher kannte, zu denen man nun eine innigere Verbundenheit aufzubauen vermochte …

Immer wieder sagte mir ein Freund, dass das schönste am Schreiben die Menschen sind, die man kennenlernen darf und wie ich ihm in dieser Hinsicht zutiefst verbunden bin, denn genauso sehe ich es auch; der Mensch ist mir immer noch das schönste und wertvollste Geschenk, das mir entgegengebracht wurde, denn niemand bewegt mich mehr, zu niemandem bleiben mir mehr wertschätzende Erinnerungen (auch wenn die Wege vielleicht nicht immer in die gleiche Richtung verliefen, so waren sie mir doch wichtig).

Genieße nun die letzten Tage umso intensiver, umso dichter im erneuten Erkunden die Chance nutzend (im Vergleich zu Österreich, welches sich immer noch im Lockdown befindet) Museen, Theater und Cafés besuchen zu dürfen, mit dieser mittlerweile nicht mehr vorhandenen Selbstverständlichkeit, daher wohl umso schätzenswerter.

Vorgestern also in der Kunsthalle in Tübingen in die Ausstellung zu Marina Abramović „JENES SELBST/UNSER SELBST“ gegangen, eine Auseinandersetzung mit Körper, Geist und Natur, der Überwindung und der Grenzauslotung des eigenen Selbst – ein Phänomen, dem ich viel abgewinnen kann, mich aber nie dazu im Stande fühlen würde. Und dass Abramovic in Tübingen seit den 70ern eine Verbundenheit mit der Galerie Dacić in Tübingen pflegt, zeigte mir, wie klein die Welt doch ist, wie wenige Grenzen es manchmal zu überwinden gilt, wie viele zufällige Begegnungen einen beeinflussen und im Weiteren prägen. So auch, dass ich hier „untrue“ in den Kammerspielen sehen durfte und dieses Stück von Gernot Grünewald inszeniert wurde, mit dem ich bereits in Wien und Berlin arbeitete, bestätigt meinen Gedanken an winzige Welt oder eben: alles einfach ein Dorf, eine Welt in dörflichem Ausmaß und wie ich mir denke, dass ich die Freundin, die ich donnerstags in Tübingen besuchte, erstmals in Bozen (genauer in Ritten) kennengelernt hatte und man sich hier wiederzufinden vermag oder die Lesung einer Freundin aus Wien gerade zu der Zeit stattfindet, wo ich hier bin, ein weiterer Freund aktuell im Schauspielhaus seiner Regietätigkeit nachgeht usw.

Auch könnte man sagen: man trifft sich im Leben immer zweimal, so I want a ticket to anywhere und dass Zufälle einfach ein Teil unseres Lebens sind, sie verschönern, speed-up so fast it feels like I’m drunk und ich mit Sicherheit eine WIEDERKEHR plane, eine erneute ANKUNFT in dieser Stadt, die mir nun so nahe, so an mich angewachsen, had a feeling that I belonged wie dieser halberstarrte winterliche See, der ruhenden zuzuwachsen scheint, der immer unbeweglicher und ich die bewegten Stellen vermissen werde, die sich immer und immer wieder darunter finden lassen, in mir auffindbar bleiben.

Sugartown, du mir unbekannte Stadt mit deinen Gänsen, kreisenden (verirrten) Möwen überm Opernhaus, Füchsen und Kaninchen, du Stadt meiner eigenen Verirrung, die ich zwar sicher nicht meiner 1ste Liebe nennen werde, ich aber seither sehr wohl in mir verspüre.

Raoul Eiselehttps://www.raouleisele.com/
Raoul Eisele reiste am 11. September 2021 an und wird bis Mitte Dezember im Stuttgarter Schriftstellerhaus leben und arbeiten. Er erhält das Stipendium der Landeshauptstadt Stuttgart, das der Verein finanziell zu einem zweiten Lyrikstipendium aufgestockt hat. Eisele wurde 1991 in Eisenstadt, Österreich geboren, er lebt in Wien.