Kanalstraße 4 - Das Stipendiatenblog des Stuttgarter Schriftstellerhauses

Wenn du ankommst im „Häusle“, liegt vor dir ein ganzer Berg von Tagen. Zuerst zögerlich noch, dann immer freudiger, näherst du dich der Stadt, den Schwaben und all den anderen in dieser kosmopolitischen Stadt.

— Vera Bischitzky, Stipendiatin 2003

20.4.2018

Liebste Stuttgarter,
heute Morgen wollte ich noch fragen, warum ihr nicht eure ganze Freizeit in den Weinbergen verbringt. Was für eine liebliche Landschaft! Sanfte Hügel durchzogen von leicht zu gehenden Wanderwegen. Ohne Asphalt wäre es noch schöner für die Füße. Die ersten Blätter drängen aus den knorrigen Stämmen, zwischen ihnen stehen Löwenzahn und Narzissen. Dicht neben und über mir kämpfen zwei Bussarde hart auf hart, bis es dem einen gelingt, den anderen zu vertreiben. Sofort wird er selbst von einer Krähe angegriffen. Das zarte Glockenspiel von Uhlbach dringt herauf. Die Mähmaschinen der Winzer klingen herunter. Unter dem Jägerzaun eines Schrebergartens quetscht sich ein Igel hervor.
Nach zwei Stunden Wanderung weiß ich, warum ihr im Schlossgarten unterm Baum liegt. Zum ersten Mal in der Saison trage ich Trekkingsandalen und meine Füße sehen aus wie kleine Zebras. Die Pflanzen lieben Südhang, mir reichte Ost- oder Westlage.

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18. April 2018

Gestern im Alten Schauspielhaus »Fracking« gesehen. Super Inszenierung, tolles Stück, eine schöne Atmosphäre im Haus. Leider relativ wenig junge Menschen im Publikum. Obwohl es ja die Jungen sind, die unsere Zukunft bestimmen werden. Aber Meinungen werden ohnehin anders gebildet als im Theater: Wer einen lukrativen Job in einem Bereich bekommt, der macht es und sucht Argumente für sein Tun. Wer das Thema nicht oft in den Medien verfolgt, wird sich passiv verhalten. Nur wer betroffen ist oder sich ausführlich informiert, wird Widerstand leisten. Weiterlesen »

16. April 2018

Entschuldigt bitte, ich habe euch vernachlässigt. Die Gründe dafür: Ich muss einen Fragebogen für stop-n-read, ein Projekt des Literaturlands Westfalen, ausfüllen und tue mich schwer damit.

Zweitens war mein Gatte zu Besuch. Wir haben uns Baden-Württemberg kulinarisch genähert. Ich habe mich von den Nudelgerichten beeindrucken lassen. Woanders gibt es sie ja auch, aber dort waren sie mir keineswegs positiv aufgefallen. Offenbar können sie nur im Ländle gut gekocht werden. Herzlichen Glückwunsch dazu! Weiterlesen »

12. April 2018

Weil ich die Szene, die ich gestern fertiggestellt, mental noch nicht abgeschlossen hatte, drängten die Füße zu einer Wanderung. Nichts sprengt den Kreis der Gedanken so wirksam, wie eine Strecke zu laufen. Das hilft nicht nur AutorInnen, sondern auch Melancholikern. Das mag einer der Gründe für die melancholischen Autoren der deutschen Romantik gewesen sein, die Natur zu entdecken. Weiterlesen »

10. April 2018

Gestern mit der Zacke (Zahnradbahn für alle Bochumer und Ruhris) hinaufgefahren und durch den Wald zum Fernsehturm gelaufen. Es duftete nach Frühling, Rinde, Erde, gerupftem oder geschnittenem Gras. Ich habe sowohl die einheimischen Bäume wie auch die kalifornischen Mammutbäume bewundert, die Schilder des Lehrpfads gelesen und den Biohof der Universität besichtigt. Der Wald ist hier so licht, dass sich ein Blumenteppich ausbreitet. Bei reinem Buchenwald ist das kaum möglich, der lässt zu wenig Sonne durch.
Heute dann das helle Treppenlabyrinth der Bibliothek fotografiert und vom Dach über die Stadt geschaut.
Aber so richtig bei der Sache war ich an beiden Tagen nicht. Ich habe eine emotionale Stelle im Roman erweitert, weil ich sie für schwer verständlich halte. Nach wie vor zweifle ich, ob ich sie überhaupt schreiben soll. Weiterlesen »