Kanalstraße 4 - Das Stipendiatenblog des Stuttgarter Schriftstellerhauses

Die Atmosphäre war faszinierend: In einer großen Stadt leben und gleichzeitig sehr geborgen sein in dem alten Haus. Man konnte losziehen und war dennoch beschützt.

— José F. A. Oliver, Stipendiat 1988

23. Juni 2018

Gestern Salon-Lesung Sudabeh Mohafez. Sie kann sowohl Komik wie Tragik. Jede Geschichte wirkt authentisch, selbst wenn es sich um eine Auftragsarbeit handelt. Und ihre Persönlichkeit kommt so freundlich rüber. Das Publikum fühlt sich angenommen und gemocht.

Auch sie war Stipendiatin in diesem Haus und hat sich in Stuttgart verliebt. Sie ist geblieben…

22. Juni 2018

Ein Gang über die weiten, ungemähten Grasflächen unter den solitären Bäumen des Rosensteinparks führt in das heiße und hinreißende Wilhelma Theater. Kurt Weills Street Scene kann mich allerdings nicht begeistern. Der Versuch, die amerikanische Flüchtlingslagersituation auf heutige Lager zu übertragen, wirkt gezwungen und hebt das Veraltete eher noch hervor. Weiterlesen »

16. Juni 2018

Bei den vielen Lesungen und Gesprächen hier im Haus sowie dadurch, dass ich vielen Leuten mein Exposé und auch den Roman geschickt habe, um beides zu verbessern, ist mir eine Erkenntnis gekommen: Man braucht andere, um sich zu verbessern, das ist bekannt; andere glätten und schleifen Geschichten und Sprache aber auch so lange, bis sie glatt wie Fotomodelle sind und jede Individualität verloren haben. Mir ist das beim Exposé aufgefallen, das ich so lange habe verbessern lassen, bis es auf jeden Roman hätte passen können. Und bei Textauszügen wurde die Sprache so glatt und fein normiert, dass sie nicht mehr auf die schmutzigen und kantigen Figuren passte. Auf Individualität und Originalität ist also aufzupassen, Mitmenschen neigen dazu, sie zu glätten und zu schleifen. Auf der anderen Seite gilt es achtzuhaben, dass Mitmenschen noch mit einem leben können. Zwischen Gefallsucht und Dissozialität liegt der Mittelweg. Merkt ihr, mit den letzten beiden Sätzen bin ich ebenfalls so allgemein geworden, dass jeder nur nicken braucht. Dann aber ist die Grenze überschritten, jenseits werden Sätze unnötig, wir können das Reden und Schreiben einstellen.

14. Juni 2018

Gestern hatte ich einen ausnehmend angenehmen Abend im Kreis der Schreibgruppe Band 2. Cooler Name, was? Die Gruppe zieht offenbar viele Teilnehmer*innen an, es saßen mindestens 20 im Raum. Zuerst ging es um deren nächste Lesungen, das lief ähnlich ab wie bei den ‘Bochumer Literaten’. Es folgte meine Lesung und ein langes Gespräch. Eine Teilnehmerin schenkte der Moderatorin und mir je einen Kräuterstrauß. Der sieht jetzt schön aus auf dem dunklen, ovalen Holztisch und wird bei jedem Vorbeigehen angeknabbert. Einige Blätter landeten heute Mittag auf Gurkensalat und Fisch. Weiterlesen »

10. Juni 2018

Ich schlendere durchs Bohnenviertel, höre Musik und folge ihr. In einem Hinterhof unter einem Torbogen steht eine Bühne. Darauf spielen The Sixteens und stellen ihre CD Behind Our Eyes vor. Das macht gute Laune, falls noch keine da ist.

Gestern zwölf Stunden lang Ludwigsburg und »Blühendes Barock« entdeckt. Was nach blödem Werbeslogan klingt, entpuppt sich als wörtlich zu nehmen. Abwechselnd perfekt gepflegte, bunte Parkanlagen, blühende Lindenbäume, denen auch mal ein Ast beim Sturm abbrechen darf, ohne dass der Förster schon im Voraus in Form schneiden muss. Darunter Damwild, Kleiber, Buchfinken, Ziegen. Wilde Wiesen, die niemand betreten darf, falls doch einmal ein Baum sein Leben aushauchen will.
Angler werfen Köder auf Zielscheiben, die sie auf die Wiese gelegt haben, nicht ins Wasser. Am Ufer schwimmen winzige Inseln in Schwarz, Gelb und Rot mit Füßen unten dran vorbei. Mutter Blesshuhn quiekt, um sie zusammenzuhalten, Vater Blesshuhn knallt die Schnabelhälften aufeinander. Gelbe Lippen öffnen und schließen sich dicht unter der Wasseroberfläche und rufen stumm nach Brotstückchen. Doch wird der Karpfen weder gefressen noch bekommt er zu fressen. Würstle am Ständle. Ich fange an, eure Sprache zu lernen, ich habe Freunde in Stuttgart gefunden, ihr kriegt mich hier nicht mehr raus. Zu dem Satz höre ich den Sound von Ton Steine Scherben.