Kanalstraße 4 - Das Stipendiatenblog des Stuttgarter Schriftstellerhauses

Schöpferisch und friedlich war mein Leben im Schriftstellerhaus. Mit Schwermut verlasse ich den Ort.

— Fuad Rifka, Lyriker, Hölderlin-Spezialist aus Beirut, 2002

Zerschlafenes Fundstück

Nach Tagen durchwachsenen Wetters scheint in Stuttgart heute wieder die Sonne. Danke! Aber wem gebührt dieser Dank? Das weiß ich noch immer nicht, dabei bin ich doch schon so alt geworden …

Jedenfalls stiefele ich Tag für Tag die Umgebung ab und lasse mich überraschen. Zum Beispiel fand ich vorgestern in der Rosenstraße, an einen Baum gekettet, ein Fahrrad, das mit Beuteln und Taschen über und über behängt war. Aha, durchzuckte es mich, die Habe eines Obdachlosen. Aber wo war er? Da mir jeglicher Voyeurismus peinlich ist, verlangsamte ich nur meine Schritte, spähte beiläufig hin und her. Erfolglos. Zehn Meter weiter stand, an eine Hauswand gelehnt, eine ausrangierte Matratze. Wäre das Wetter besser, sicher eine willkommene Schlafgelegenheit für den Mann. Oder die Frau?  So aber war sie vollgesogen mit Regenwasser. Das gibt es also auch in Stuttgart. Nicht nur zum Beispiel im Prenzlauer Berg in meiner Heimatstadt, wo oft noch Zettel an Ausrangiertem angebracht sind: Zu verschenken. Zerlederte Sofagarnituren, Plastikstühle, Sprelacarttische stehen oft wochenlang in Wind und Wetter.

Mal sehen, wie lange es hier dauert, bis das gute Stück verschwunden ist.

Zeitzonencrash

Warum nur war der 2. April ein Tag, an dem ich mir einen handfesten Aprilscherz zuzog? Ich zweifelte erst fast zuletzt an mir, denn ganz zuletzt war es die Technik, die den Zweifel abbekam. Will das überhaupt jemand wissen?
Nun habe ich angefangen … Ich muss es einfach erzählen.

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Bisch guad akomma?

Aba klaa, jut anjekomm … Es ist zwar kein Aprilscherz, dass mein Koffergriff entzwei ging am Berliner Hauptbahnhof, als ich das schwere Ding in den Zug hieven wollte, aber alles lief gut.  Stuttgart hat sich mit Ranunkeln auf meine Ankunft vorbereitet. Ranunkeln sind meine Lieblingsblumen. An den Verkaufsständen hier stehen sie in allen Farben und Größen. Wunderbar. Vorm Breuninger-Kaufhaus dann mal gleich noch zwei Beete, in denen Ranunkeln die anderen Pflanzen eindeutig dominieren. Noch wunderbarer. Wenn ich an die Wiedergeburt glaubte, würde ich mir eine als Asiatischer Hahnenfuß wünschen. So heißt die Ranunkel nämlich auch. Sie hat ein kurzes Leben, während dessen sie aber sehr gut aussieht.

Warum habe ich mir eigentlich nicht sofort einen Strauß gekauft? Nun ja, in meiner Größe kostet er 12,50 Euro, und ich will ja sparen … Also mache ich erst einmal viele Spaziergänge und schlage mindestens drei Fliegen mit einer Klappe: Ich erkunde die Umgebung, bin auf Ranunkelschau und schaffe die zehntausend Schritte, mein tägliches Pensum. Unterbrochen von Pausen, in denen ich Gedichte lese. Zum Beispiel von Volker Braun. Im kommenden Monat wird er 80 Jahre alt, und ich werde zu seinem Geburtstag antreten, im Berliner Literaturforum im Brecht-Haus für ihn zu lesen. Auch ein neues Gedicht, nur für ihn. Das wird hier entstehen, in Stuttgart.

Schöne Aussichten!

 

Adele.

Kennt ihr das, wenn der Koffer schon zu ist und man dann noch den Bücherstapel am Nachtschrank liegen sieht? Ich kann ja Bücher nirgendwo lassen und schon gar nicht nachschicken. Ich brauche sie immer alle bei mir. Tja, also reise ich halt jetzt mit drei Taschen und nerve die anderen Fahrgäste. Meinen Abschiedsblog schreibe ich verkatert im Zug. Ich finde, ich mache da ganz richtig so. Ich habe mal geschrieben, dass ich schon ein wenig verliebt bin in Stuttgart. Ich möchte das gerne berichtigen. Ich bin ganz verliebt in Stuttgart. Und so aus einer Stipendienstadt zu gehen ist zwar schwer, aber auch unglaublich schön. Mich hat in den letzten Tagen noch so viel Tschüslepost erreicht und – (oh, nein, jetzt heul ich gleich im Zug, Contenance Frau Poetin) – und ich trage so viele Dinge in meiner Feder, Kopf und Herz mit zurück. Vom Schriftstellerhaus & mir kommt noch eine kleine (ok, eigentlich große) Überraschung. Noch ein wenig Aprilgeduld, ihr werdet es nicht übersehen. Auf bald (versprochen). Eure K.

Das nahende Ende unserer kleinen Wohngemeinschaft

Liebe Kanalstraßenfangemeinde,

als ich hier ankam, habe ich zur Einstimmung die Blogs meiner Vorgängerinnen gelesen. Alle haben sie gegen Ende hin gejammert. Was und wen sie nicht vermissen würden. Ich weiß noch, wie ich dachte: ich werd mich doch nicht so anheulen. Drei Monate sind ja nur ein Bruchteilleben. Tja. Und nun renne ich seit einer Woche durch die Stadt, um noch mal alle meine gewordenen Wege zu begehen. Ich verschreibe die Vormittage und verplaudere die Nachmittage. Ich probiere immer noch neue Bars aus und bestelle extra Käpsele, nur damit ich das Wort nochmal sagen kann. Ich bin genauso ein Weichling, wie alle vor mir. Eingesülzt. Entsetzlich. Zur Aufheiterung habe ich mir eine Stuttgarter Schaffenschronik erstellt. Ein bissle auch, um mir selbst zu beweisen, dass ich nicht nur im ersten Monat voll fleißig war. Ich habe genug Gedichte für einen kompletten Band geschaffen (exklusive neu herumschwirrende Themenblöcke), eine Handvoll Prosatexte, Kurzgeschichten, nicht zu vergessen die ganzen versandten Gedanken & Briefe und Begegnungsnotizen. Selten habe ich an so einer Textflut parallel gearbeitet und war so rundum zufrieden. Wer mich hier behalten will, darf mich auch gerne wieder einladen. Ich komme bestimmt. Die Netze sind gespannt. Jetzt habt ihr noch eine Kolumne Zeit, dann dürft ihr euch kurz anheulen und schnell wieder freuen über eine neue Hausgeistin. Äh, Gästin. Bis dahin, fröhlichen Frühlingsgbeginn aus der Kanalstraße!