Kanalstraße 4 - Das Stipendiatenblog des Stuttgarter Schriftstellerhauses

Die Atmosphäre war faszinierend: In einer großen Stadt leben und gleichzeitig sehr geborgen sein in dem alten Haus. Man konnte losziehen und war dennoch beschützt.

— José F. A. Oliver, Stipendiat 1988

18. April 2018

Gestern im Alten Schauspielhaus »Fracking« gesehen. Super Inszenierung, tolles Stück, eine schöne Atmosphäre im Haus. Leider relativ wenig junge Menschen im Publikum. Obwohl es ja die Jungen sind, die unsere Zukunft bestimmen werden. Aber Meinungen werden ohnehin anders gebildet als im Theater: Wer einen lukrativen Job in einem Bereich bekommt, der macht es und sucht Argumente für sein Tun. Wer das Thema nicht oft in den Medien verfolgt, wird sich passiv verhalten. Nur wer betroffen ist oder sich ausführlich informiert, wird Widerstand leisten. Im Koalitionsvertrag ist das Wort Fracking vermieden und durch »Testbohrungen« im Allgemeinen ersetzt worden. Ob die Abstimmungszahlen sonst anders ausgesehen hätten?

Nathanael Ullmann und ich haben ebenfalls ein Stück zum Thema geschrieben. Es ist unter dem Titel »fracKing« beim Karl-Mahnke-Theaterverlag veröffentlicht. Ich würde es gerne vom Ensemble des Alten Schauspielhauses gespielt sehen.

Auch wir haben eine Elisabeth, die sich am Widerstand beteiligt, nur ist unsere jung und verliebt in den Jungmanager des Fracking-Unternehmens. Die Rolle würde ich mit der Managerin (Susanne Theil) tauschen lassen.
Ulrike Barthruff würde von der aktiven Widerstandsomi in die Rolle der am Fracking gesundheitlich Leidenden wechseln.
Unsere Hauptrolle würde Christoph Bangerter übernehmen und damit einen ähnlichen Charakter darstellen wie gestern.
Unser Konzernchef wäre Volker Jeck, er tauschte also die politischen Seiten.
Unser Minister wäre Peter Kempkes, der Baudezernent von gestern.
Gideon Rapp mutierte vom jungen Widerstandskämpfer zum Fitnesstrainer des Konzerns, würde also auf die andere Seite gezogen.

Das Publikum hätte Spaß daran die Guten und die Bösen ihre Rollen tauschten oder beibehalten zu sehen.

Anja Liedtke

Anja Liedtke

Stipendiatin 2018
Aus Bochum nach Stuttgart kommt von April bis Juni 2018 Anja Liedtke. Der Schritt dürfte ihr und ihren Figuren nicht so schwer fallen. Anja Liedtke arbeitet derzeit an ihrem fünften Roman “Ein Ich zu viel”. Im letzten Jahr überzeugte Liedtke mit ihrem Roman “Schwimmen wie ein Delfin oder Bowies Butler” Die promovierte Autorin schreibt Reiseerzählungen, Romane, Theaterstücke und Sachbücher.
Anja Liedtke

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