Kanalstraße 4 - Das Stipendiatenblog des Stuttgarter Schriftstellerhauses

Die Atmosphäre war faszinierend: In einer großen Stadt leben und gleichzeitig sehr geborgen sein in dem alten Haus. Man konnte losziehen und war dennoch beschützt.

— José F. A. Oliver, Stipendiat 1988

3. Mai 2018

Liebe Stuttgarter*innen,
vielen Dank für die Lesung am 7. Mai. Sie bewirkt, dass mich mal wieder oder noch einmal so richtig das Feuer packt und mich Stunden um Stunden am Text schleifen lässt. Kürzen, zusetzen, kürzen, wieder einbauen, kürzen…
Normalerweise funktioniert das so, dass ich für eine Lesung eine Textauswahl treffe und sie so kürze, dass die erforderliche Lesezeit erreicht wird.
Diesmal habe ich es aber mit einem weiteren Spannungsbogen als bei mir üblich zu tun. Und diesmal verändert sich bei jeder Kürzungsvariante der Text vollkommen. Sowohl inhaltlich als auch stilistisch. Zuerst probierte ich, alle kleinen Wörter außerhalb der direkten Rede zu streichen. Das stellte sich als No-go heraus, der Hörer käme nicht mit. Dann versuchte ich, ganze Passagen zu streichen, die nicht erforderlich waren, um den Gesamtbau zu erhalten. Seltsamerweise fehlte es dann aber an den dramatischsten Momenten. Normalerweise sind die dramatischsten Momente untrennbar mit dem Gesamtbau verbunden. Ich mache hier eine Erfahrung, die ich weder mit früheren Texten gemacht habe, noch kenne ich sie aus den kreativen Schreibschulen Deutschlands oder Amerikas. So richtig verstehen kann ich das (noch) nicht. Ich wünschte, ich könnte mit jemanden dermaßen ins Eingemachte gehen. Aber ich muss dankbar sein, wenn Kolleg*innen eine Textvariante lesen. Mehrere sind niemandem zuzumuten. Jedenfalls ist das faszinierend und so aufregend, dass ich kaum etwas gegessen habe. Das schätze ich nicht. Auszehren will ich mich nicht. Ich beruhige mich damit, dass ich am Wochenende vor der Lesung mit Freunden essen gehe.
Jetzt heißt es schlafen und morgen wieder laut lesen.
Anja Liedtke

Anja Liedtke

Stipendiatin 2018
Aus Bochum nach Stuttgart kommt von April bis Juni 2018 Anja Liedtke. Der Schritt dürfte ihr und ihren Figuren nicht so schwer fallen. Anja Liedtke arbeitet derzeit an ihrem fünften Roman “Ein Ich zu viel”. Im letzten Jahr überzeugte Liedtke mit ihrem Roman “Schwimmen wie ein Delfin oder Bowies Butler” Die promovierte Autorin schreibt Reiseerzählungen, Romane, Theaterstücke und Sachbücher.
Anja Liedtke

Neueste Artikel von Anja Liedtke (alle ansehen)

Kein Kommentar möglich