Stuttgart ist knallorange, es schreit mich an, als ich anreise. Baustellenlärm, Kirchenglocken, Autos, Stadtbahnen, Lüftungsanlagen, Restaurants, nächtliche Heimkehrerende mit Schwips. Es ist die lauteste Stadt, in der ich bis jetzt gewohnt habe.
Zu Hause in Leipzig zog vor ein paar Monaten meine beste Freundin in die Wohnung direkt neben meiner. Seitdem sehen wir uns jeden Tag, aus der Tür in die Tür, texten mehr als je zuvor, essen abends zusammen Nudeln, gehen zusammen zu dm, immer ist was zu tun. Kurz nach ihrem Einzug überredete sie mich, meine Colour Season zu bestimmen, um herauszufinden, welche Farben mir stehen. Dabei handelt es sich um einen Test, der einem je nach Kontrast von Teint, Augen und Haaren eine Jahreszeit zuteilt, die sich wiederum in soft, true, dark unterteilt. Meine Freundin zählte sorgfältig meine Antworten zusammen: Soft Autumn, gedämpft und warm sollte meine Kleidung sein.
Die schwarze Kleidung fliegt also raus, der Kontrast zu hart für mein Gesicht, mein Schrank steht nun halbleer, was die Katze freut, und auf dem Boden kann ich nur all das Geld sehen, das ich zum Fenster rausgeschmissen hab. Ich wollte wie eine Künstlerin aussehen, dunkel, selbstbewusst und mysteriös, mit Rollkragen, jetzt habe ich wenigstens eine Farbpalette.
Oft sitze ich hier auf dem großen Platz, dessen Namen ich immer wieder vergesse, zu Füßen von Herzog Christoph. Mit Noise-Canceling auf den Ohren lese ich, oder ich sammle. Ein Haargummi in den Haaren eines Mädchens, eine Breuninger-Tüte, ein Flyer einer Hilfsvereinigung, aber keine Kleidung. Endlich blitzt eine Caprihose in Sicht, obwohl … sie geht mehr ins Rot als Orange, ist eher Scarlett als Pumpkin, Krebs. Zählt, zählt nicht? Nur wo hört eigentlich Orange auf, wo beginnt Rot, Braun und Gelb? Ich nehme mir vor, die Grenzen im Pantone-Trademark-Matching-System zu recherchieren.
Erst die Orange brachte Orange, und es dauerte noch rund zweihundert Jahre, passenderweise bis zum Auftauchen vom Herzog in dieser Welt, bis daraus eine Farbe wurde. Vor der ersten Erwähnung gab es sie nicht, obwohl sie natürlich existierte. Stattdessen: gelbrote Kürbisse, gelbrotes Laub, einen gelbroten Sonnenuntergang, gelbrote Katzen, gelbrote Orang-Utans, gelbrote Füchse und gelbrote Kois. Man könnte sagen, Globalisierung in Fruchtgestalt erfand ein sehr notwendiges Wort, um Tautologien auf das nächste Level zu heben.
Als ich dreizehn war, hatte ich eine Phase, in der ich nur Orange trug. Die Stulpen, meine kurzen Wildlederstiefel, die Pufferjacke, die Mütze und Handschuhe, alles knallig auffallend. Mein Konfirmationsgeld trug ich nicht zum stylischen H&M in Hannover, sondern kaufte Oberteile in einem Laden mit Billigmode unbekannter Herkunft in der Kleinstadt. Orange stand mir nicht, steht mir nicht, doch meine Sehnsucht nach seiner Lautstärke war stärker, seine Kühnheit tröstete. Eine Pubertät ist laut und kathartisch. Kurz danach verliebte ich mich in Apfelgrün.
Ich esse im Stehen ein Croissant vor dem Spiegel bei Tiffany’s, hinter mir verladen drei Männer einen orangen Sportwagen aus dem Porsche-Store, dessen Neonlack mit Werbeslogans und Marken übersät ist wie mit Windpocken. Ich schlendere an Dior entlang, an Louis Vuitton, über das Weinfest am Markt und probiere Lippenstifte bei Sephora aus. Als Soft Autumn mit Olivenhaut stehen mir keine kühlen Farben, kein Pink, kein Rosa und erst recht keine Knallfarben, aber ich swatche sie trotzdem. Das Neonorange zwickt meine Pupille, ein Fehlgriff, aber dann ahme ich die Ladys in den Schminkvideos nach, dab dab dab, mein Finger tupft die Lip Cream geduldig in meinen Handrücken ein, immer mehr verblasst die Grelle, wird wärmer auf der Haut, bis sie in einen leisen, soften Herbstton übergeht. Ich muss nur meine E-Mail-Adresse eintippen, dann bekomme ich die nächsten drei Monate zehn Prozent auf Orangetöne, sagt man an der Kasse.
Geduld, Geduld, ich frohlocke, also zurück ins Schriftstellerhaus, und statt meinen Roman über rothaarige Hexen zu schreiben, tippe ich fieberhaft dies, vielleicht sollte ich mir die Haare färben.
Steht mir nicht, steht mir nicht, bis zur nächsten Saison.
Dann lebt jemand anderes hier, doch
nichts reimt sich auf


