Schöpferisch und friedlich war mein Leben im Schriftstellerhaus. Mit Schwermut verlasse ich den Ort.

— Fuad Rifka, Lyriker, Hölderlin-Spezialist aus Beirut, 2002

Europa-, Wetter- und Ringwahl in Schtuegert

Stuttgart wählt. Es hat offenbar, nach regnerischen Tagen, für Sonne gestimmt, die sich fast ganztägig zeigt. Ich habe per Briefwahl gevotet, denn nicht nur Stuttgart wählt. Verrate aber nicht, für welche Partei. Wahlgeheimnis.
Dafür kann ich sagen, dass ich heute endlose Bustouren durch Stuttgart unternommen habe. Nicht mit dem roten Doppeldecker, sondern mit schnöden gelben Stadtbussen. Die kann ich ja mit meinem Gehbehindertenausweis entern, und es war eine wirklich tolle Idee, das zu tun. Berge hoch, wieder runter, Leute gucken, Gebäude schauen, hier mal aussteigen oder da, auf dem Smartphone mitverfolgen, wo ich gerade bin und so endlich ein Gefühl für die Stadt bekommen. Auf dem Eugensplatz mit der schönen Galatea habe ich verweilt, mir die Sonne aufs grau werdende Dach scheinen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Ach, Schtuegert …
Gestern war ich zum ersten(!) Mal auf dem Trödelmarkt, Karlsplatz. Ist zwar gleich um die Ecke, aber kein Samstag hat mich bislang bewogen, tatsächlich mal hinzugehen. Dabei bin ich eine begeisterte Trödelkäuferin. Als ich 2010 in Rom weilte, ließ ich nahezu keinen Sonnabend aus, zur Porta Portese zu fahren und mich treiben zu lassen. Aber ich weiß auch, warum das hier nicht so ist: Ich muss meine Kohle zusammenhalten. Nur unter großen Mühen war es mir möglich, gestern einen wunderschönen Espressokocher und einen ebensolchen Wecker, in grüner Samtschachtel, zum Aufklappen, NICHT zu kaufen. Viermal bin ich am Stand vorbeigetrödelt, die Hand in der Tasche am Portemonnaie. Welch ein Stolz, das geschafft zu haben! Heute früh hat mir leider gleich der Filterkaffee aus der Maschine nicht mehr geschmeckt …
Ich bin ja seit Januar mit Abnehmen beschäftigt. Dadurch sind mir inzwischen alle meine Ringe zu groß geworden. Zum Beispiel mein heißgeliebter Marrokkoring, den mir mein Mann im vergangenen Jahr aus Marrakesch mitgebracht hatte. Vor zwei Wochen rutschte er zwischen Bahnhof und Kanalstraße vom Finger. Leider unbemerkt. Nun habe ich mir gestern auf dem Karlsplatz Ersatz beschafft. Kein echter Trödler, sondern ein Schmuckhändler hatte ihn parat, er sieht dem Lieblingsring entfernt ähnlich. Kosten: Genau so viel, wie der Mann mit dem Espressokocher für selbigen verlangt hatte. Also doch nicht geschafft? Naja, ich finde: halb.

Kathrin Schmidt

Kathrin Schmidt

Kathrin Schmidt schreibt Lyrik und Prosa. Für ihre Werke erhielt sie zahlreiche Literaturpreise, darunter den Deutschen Buchpreis 2009 für den autobiographisch gefärbten Roman »Du stirbst nicht«.
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