Kanalstraße 4 - Das Stipendiatenblog des Stuttgarter Schriftstellerhauses

Die Atmosphäre war faszinierend: In einer großen Stadt leben und gleichzeitig sehr geborgen sein in dem alten Haus. Man konnte losziehen und war dennoch beschützt.

— José F. A. Oliver, Stipendiat 1988

Begegnung mit Stuttgarterinnen

3. April 2018

Liebe Stuttgarter, aber auch liebe Bochumer und Ruhris,

meine erste Begegnung mit euch Stuttgartern: Ich steige aus dem U-Bahn-Schacht und stehe ratlos vor einer Umgebungskarte, auf der das Schriftstellerhaus und die Kanalstraße nicht eingezeichnet sind. Eine Frau tritt auf mich zu und fragt, ob ich Hilfe benötige. Natürlich sage ich nicht: „Nein danke, ich muss nur mein GPS-fähiges Handy aus der Tasche kramen.“ Auf diese Weise lernt man niemanden kennen. Stattdessen erkläre ich ihr mein Anliegen. Sie kennt weder die Straße noch das Haus, zückt ihr Handy und weist mir den Weg. Es gibt also schon mal mindestens eine freundliche Stuttgarterin. Zu diesem Zeitpunkt weiß ich noch nicht, dass ich gleich die zweite kennenlernen werde, wenn ich besagtes Gebäude betrete.

Nicht jeder Stuttgarter kennt also das Schriftstellerhaus. Wer würde wohl in Bochum Bescheid wissen, hätten wir eins? Die Literaten, Büchereimitarbeiter, Buchhändler, Mitglieder der Literarischen Gesellschaft, der Kulturstammtisch und die freie Kulturszene, Bochumer Symphoniker, die Leute von den Theatern, das Kulturbüro, Ratsmitglieder, Politiker und die Leser der WAZ, denn Kulturredakteur Boebers-Süßmann würde darüber berichten. Aber die anderen? Wie viele habe ich schon getroffen, die das Zeitmaultheater in Bochum nicht kannten? Dabei sollten wir solche Orte so bekannt wie möglich machen.

Liebe Stuttgarter, macht euer Schriftstellerhaus bekannt! Nicht nur, weil wir Bochumer euch darum beneiden. Sollte es eines Tages zu einer Wirtschaftsdiktatur kommen, in der nur nutzbringende Bildung und gewinnorientierte Unterhaltung verbreitet werden, könnten solche Häuser subversive Stätten sein.

Wie komme ich jetzt auf so etwas? Mache ich mir Sorgen um unsere Gesellschaft? Oder ist da eine Dystopie im Anzug? Stehe ich auf der Schwelle zu einem neuen Roman? Ich bin aber hier, um einen anderen fertigzustellen.

Da ich keinen Roman anfange, bevor ich sein Ende kenne, und weil ich nur schreibe, wenn mich eine Idee so sehr beißt, dass ich ihr nicht mehr entfliehen kann, denke ich nicht weiter, sondern beobachte die Stadt und widme mich der Arbeit, die ich während des Stipendiums bewältigen will.

Da ist die Stauffenberg Erinnerungsstätte. Sie erinnert mich an meinen unveröffentlichten Text »Lieber Papa Stauffenberg«. Vor Jahren habe ich ihn auf Reviercast.de eingelesen, weil er Karl-Heinz Gajewsky so gut gefallen hat. Erst kürzlich habe ich noch ein paar Korrekturen von unserem Bochumer Literaten-Mitglied Moisei Boroda bekommen. Natürlich werde ich die Stätte alsbald besuchen.

Und wieder ist es da, das Kernthema meines hier zu bearbeitenden Romans: Der innere Konflikt, der seit der Nazi-Zeit von Generation zu Generation weitergegeben wird. Nicht nur in Deutschland, auch in Israel. Am 7. Mai lese ich im Schriftstellerhaus aus dem Roman, zwei Tage vor dem Jahrestag der deutschen Kapitulation. Das passt.

Anja Liedtke

Anja Liedtke

Stipendiatin 2018
Aus Bochum nach Stuttgart kommt von April bis Juni 2018 Anja Liedtke. Der Schritt dürfte ihr und ihren Figuren nicht so schwer fallen. Anja Liedtke arbeitet derzeit an ihrem fünften Roman “Ein Ich zu viel”. Im letzten Jahr überzeugte Liedtke mit ihrem Roman “Schwimmen wie ein Delfin oder Bowies Butler” Die promovierte Autorin schreibt Reiseerzählungen, Romane, Theaterstücke und Sachbücher.
Anja Liedtke

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