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Eins

Das mag jetzt wie ausgedacht klingen, aber ich bin wirklich schon den ganzen September über kribbelig gewesen. Hab ein bisschen zu früh zu packen begonnen und konnte Leipzig gar nicht schnell genug den Rücken kehren. Ich frag mich, ob es hier schon einmal Stipendiat*innen mit sogenannter Stuttgart-Historie gab — solche wie mich, denn ich kenne die Stadt, ich hab hier schon einmal gewohnt. Knappe drei Jahre lang, die mir vorkommen wie mindestens sechs. Und in dieser Zeit und immer seither verteidige ich Stuttgart, gegen all die fiesen Kommentare und Meinungen und überhaupt, warum ist das so? Ein paar meiner Freund*innen von anderswo haben damals gejubelt, als ich ›endlich‹ wegzog. Es ist mir ein Rätsel, weshalb, denn sie besuchten mich hier und wir hatten es schön, sowieso, ich hatte es schön, und zwar trotz der vierspurigen Straße vor meinem Fenster. Meistens ist es ja nicht so, dass man sich als schreibende Person für ein Aufenthaltsstipendium bewirbt, weil man sich unbedingt und endlich mal in Hintertupfingen aufhalten will. Machen wir uns nichts vor, das ist eben Teil des Jobs, gewissermaßen, Stipendien sichern Schreibzeit und eine Art Einkommen, man nimmt die dazugehörigen Orte dann eben in Kauf. Bewirbt sich eh am laufenden Band, verliert vielleicht den Überblick, googelt Ortsnamen, spricht mit Vorgänger*innen, denkt sich: Okay, das wird auszuhalten sein. Bestimmt wird man dann auch mal positiv überrascht und bestimmt ist es auch manchmal ganz anders; was ich aber sagen möchte, worum es mir geht: Ich wollte sehr unbedingt nach Stuttgart und ich bin sehr froh darüber, jetzt hier sein zu können. Wirklich. Und seit ich nun hier bin, frag ich mich, was das denn eigentlich ist mit dieser Stadt, warum fühle ich mich hier so, wie ich mich, nun ja, hier fühle? Warum ist plötzlich nicht mal mehr Sprühregenherbst, sondern Spätsommer mit 26 Grad? (Ich weiß, das betrifft jetzt wirklich nicht bloß Stuttgart, aber es fügt sich so hübsch ein — bitte entschuldigen Sie all den Pathos, also, wie ist das, siezen wir uns hier überhaupt?)

 

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Svenja Gräfenhttps://svenjagraefen.de/
Svenja Gräfen, geboren 1990 in Daun, Rheinland-Pfalz, lebt in Leipzig. 2018 wurde sie zum Klagenfurter Literaturkurs eingeladen und war Alfred-Döblin-Stipendiatin der Akademie der Künste Berlin. 2017 erschien ihr Debütroman DAS RAUSCHEN IN UNSEREN KÖPFEN bei Ullstein fünf. 2019 folgte ihr zweiter Roman FREIRAUM. Ihre Erzählung SCHRITTE MACHEN wurde 2019 in der Anthologie FLEXEN: FLÂNEUSEN* SCHREIBEN STÄDTE (Verbrecher Verlag) veröffentlicht.