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„Frischer Wind am Abend“ – Einblicke von Catarina Vieira da Silva in das 4. Jahr des JSH

Oktoberfrischer Abendwind weht durch die Kanalstraße. Versteckt hinter einem gewaltigen Hochhaus am Charlottenplatz liegt seit rund 400 Jahren ein schmales, hohes Häuslein, das seit bald vierzig Jahren das Stuttgarter Schriftstellerhaus ist.

Aus den Fenstern im Erdgeschoss fällt warmes Licht in die Gasse.

Mit einem Schritt durch die angelehnte Tür begegnen wir gleich der Seele des Hauses. Die alten Mauern sperren das Getöse der nahen Straßen aus, hüllen in friedliche Stille und freundliche Stimmen.

Unser Kursleiter Moritz Heger richtet gerade den Laptop am Ende des langen Tisches aus, im Bildschirm lächelt uns Regina Rechsteiner entgegen. Kennengelernt haben wir sie im Frühling, dieses Jahr begleitet sie uns als Kursleiterin – vorerst noch digital, aber nicht weniger präsent.

Nach und nach tröpfeln unsere Teilnehmer:innen ein. Heute sind es bekannte Gesichter vom letzten Jahr, beim nächsten Treffen können wir uns schon auf neue Jungautor:innen freuen.

Knabbersachen werden in Schüsseln gefüllt, Gläser und Tassen bereitgestellt – in der Küche, wo schon Punsch und Teewasser kochen, wird geplaudert. Wir erinnern uns an den Sommer zurück, in dem ein paar von uns ein gemeinsames Schreib-Campen gemacht haben, um sich gegenseitig zu unterstützen, zu motivieren und unsere Leidenschaft auch außerhalb des Schreibkurses zu teilen. Die  Idee dazu entstand unter uns Schreibenden zu Beginn des Sommers bei einem gemeinsamen Ausflug des Kurses nach Tübingen.

Es dauert nicht lange und wir sind vollständig, heute in kleiner Runde. Der Tisch ähnelt inzwischen einem Flohmarktstand. Zwischen dampfenden Tassen und Gummibärchen-Schüsseln liegen Gegenstände, die Moritz mitgebracht hat – darunter ein altes Buch, ein Stein, ein Fernglas, ein Stofftier-Schaf sieht uns aus Knopfaugen an – eine Wasserwaage? Die verschiedenen Dinge dienen als Inspiration für unsere heutige Schreibaufgabe.

Nach einer Begrüßungsrunde geht es auch schon los – gute zwanzig Minuten haben wir, um unserer Kreativität freien Lauf zu lassen und einen Text zu schreiben, in dem einer der Gegenstände auftaucht. Und wer glaubt, unter Druck nicht arbeiten zu können, saß noch nie im Jungen Schriftstellerhaus zwischen Schreibenden, die in die Tasten hauen oder den Stift übers Papier schwingen lassen. Oder gemeinsam Löcher in die Luft starren, bis sie Worte formt.

Die Zeit ist um, wie lief es? Gut, insgesamt – wer möchte die Runde eröffnen?

Die anderen hören aufmerksam zu, während wir unsere Texte vorlesen. So mancher sorgt für Lachen, Spannung und Emotionen. Es folgen Applaus und, wie gewohnt, Feedback. Inzwischen kennen wir einander, wissen um die Stärken der Autor:innen und um die typischen Merkmale des Schreibstils. Auf jeden Text wird individuell eingegangen, von Moritz und Regina, aber auch von den anderen Anwesenden erhalten wir respektvolle und hilfreiche Kritik sowie Lob und haben die Möglichkeit, uns mit unserem Werk auseinanderzusetzen.

Wir haben kaum gemerkt, wie die zwei Stunden vergangen sind, als die Tassen entweder schon leer oder ihr Inhalt vergessen abgekühlt ist.

Das erste Treffen des vierten Jahres im Jungen Schriftstellerhaus geht zu Ende, ab jetzt heißt es Vorfreude auf nächstes Mal und das Kennenlernen der neuen Teilnehmer:innen. So tröpfelhaft, wie wir gekommen sind, verlassen wir das alte Haus.
Oktoberfrischer Abendwind weht durch die dunkle Kanalstraße.

Aus den Fenstern im Erdgeschoss fällt warmes Licht in die Gasse.

Text: Catarina Vieira da Silva
Fotos: Astrid Braun