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Tschüss, Zahnarztkino und Friseurinnenhörspiel!

Ein paar Wochen habe ich hier nichts von mir hören lassen, und meine sehr gute Ausrede ist, dass ich wahnsinnig viel gearbeitet habe. Das Lektorat ist fertig, das Korrektorat auch, seit gestern ist Buch 2 im Satz.  Die letzten Wochen bin ich wieder und wieder durch den Text gegangen, habe mit meiner Lektorin diskutiert, manchmal bis in die Nacht am Computer gesessen und festgestellt, dass es vorn am Charlottenplatz nicht still, aber stiller ist, um diese Zeit. Beim Arbeiten stört mich das Rauschen der Kreuzung nicht, von dem man sich, wenn einmal ein paar Sekunden kein Hupen und keine Sirene ertönt, einbilden könnte, es sei das Meer. Das Arbeiten ist mir leicht gefallen, hier, an dem riesigen Schreibtisch, zwischen den alten Möbeln. Cotta-Zimmer, steht an der Tür, gestiftet von Herrn Michael Klett. Ich stelle mir vor, dass die Möbel einst einem alten Mann gehörten, der gestorben ist, des Herrn Kletts Großonkel vielleicht. Dessen letztes Mobiliar der Herr Klett, da er selbst zu diesem Zeitpunkt bestimmt bereits über ausreichend Einrichtungsgegenstände verfügte, dem Schriftstellerhaus gespendet hat. Er hat viel Ernst Jünger gelesen, der Großonkel Klett, und Schopenhauer, das Alte Testament und Denis Scheck auf Tschechisch. (Vielleicht gehörten die Bücher aber womöglich Michael Klett selbst, mindestens bei Jünger ahnt man es). Und einen Ukraine-Reiseführer, der zwischen den ganzen alten Büchern im Regal recht neu anmutet und mich jedes Mal, wenn mein Blick darauf fällt, traurig stimmt.

Es wundert mich immer wieder, wie ich mich gewöhne, nach wenigen Wochen, eine Beziehung aufbaue, zu dieser Stadt, dem Häusle, dem Zahnarztkino gegenüber, wie ein anderer Stipendiat es einmal nannte. Ich weiß, wann sie Pause haben, dann rauchen sie auf den kleinen Balkonen, ganz in weiß, mit ihren roten Valentino Tüten. Nur eine von ihnen trägt schwarz, weil sie, wie ich inzwischen herausgefunden habe, die Empfangsdame ist. Von den Ärzten raucht nur einer, aber vielleicht denke ich das nur, weil er der einzige Mann ist und der einzige ältere. Hat man jemals einen männlichen Zahnarzthelfer erlebt?  Ein anderer Arzt zieht sich oft am Fenster um, tauscht vor seinem Spint in der Ecke das Weiß gegen einen dunklen Anzug, zwischendurch steht er in Unterhose da und scheint mich nicht wahrzunehmen. Aber es ist ein Geben und Nehmen, denn oft genug komme ich gedankenlos aus der Dusche, gehe an den Kleiderschrank, und habe vergessen, dass das Licht an und die Gardine offen ist.

Was vorn das Zahnarztkino, ist hinten das Friseurinnenhörspiel. Sie sehe ich selten, höre sie nur, weil sie eine Markise haben, unter der sie sitzen, tratschen und rauchen. Aber sie sind weniger abgehärtet als die Zahnarzthelferinnen und rauchen seltener, seit es kalt ist.

Auch die Backstube ist etwas leiser geworden; seit es kälter geworden ist schließen sie zu meiner Freude nachts manchmal sogar die Fenster. Nicht immer. Diese Woche bin ich mehrmals gegen vier Uhr morgens von Last Christmas geweckt worden.

Der Bäckerwecker, wie mein Vorgänger ihn nannte, gehört zu den Dingen, die ich nicht vermissen werde.

Mit dem Vermissen ist es ja ohnehin so eine Sache. Eigentlich findet das Vermissen immer nur im Voraus statt, wenn ich jetzt durch die Straßen gehe, die mir nach wenigen Wochen schon so vertraut sind, und die ich vermutlich nicht wiedersehen werde.

Vielleicht vermisse ich, auf diese vorrauseilende Art, vor allem die, die ich hier bin. Dieses Gefühl von Einfachheit und Klarheit, die Beschränkungen, denen man sich an so einem Ort, in einem Aufenthaltsstipendium, freiwillig unterwirft; alles ist klein und übersichtlich, funktional, wie die zwei Induktionsherdplatten, die zwischendurch immer mal den Geist aufgeben. Bestimmt hat noch nie eine Stipendiatin so viel gekocht hier, hat Janina gesagt. Jedenfalls nicht für sie, denn sie ist ja erst seit Kurzem die neue Geschäftsführerin und unsere gemeinsamen Mittagessen gehören zu den Dingen, die ich durchaus und ganz konkret vermissen werde.

Janna Steenfatt
Janna Steenfatt
Von Oktober bis Dezember 2023 wird Janna Steenfatt aus Leipzig in die Wohnung im 3. Stock des Schriftstellerhauses einziehen. Die Autorin ist Jahrgang 1982, in Hamburg geboren, hat am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert von 2004-2010 mit Gastsemestern im Studiengang Szenisches Schreiben an der Universität der Künste Berlin und im Studiengang Duitse Taal en Cultuur an der Universität von Amsterdam. Im Jahr 2020 veröffentlichte sie im Verlag Hoffmann und Campe den Roman „Die Überflüssigkeit der Dinge“. Autorinnenfoto: Sascha Kokot