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1: The Arrival

„Was?“, ruft der Taxifahrer vorm Stuttgarter Hauptbahnhof: „Eine Stunde in der Schlange warten für einen Kilometer! Mamma Mia! Man kann zu Fuß gehen“, ruft er, „das sind keine fünfzehn Minuten.“

„Der Koffer ist schwer“, sag ich.

„Mamma Mia!“, ruft er noch einmal.

Ich schiebe den Daumen unter die Liebmädchenmaske, hebe sie kurz an.

„Dann lassen Sie mich raus“, sag ich, „ich nehm ein anderes Taxi. Mir doch egal.“

Die Maske schnalzt zurück, ich lächle den Fahrer im Rückspiegel an und er tritt aufs Gaspedal.

Der Taxifahrer nähert sich seinem Tagesumsatz durch konzentrische Kreise. Sein innerer Kompass lässt ihn Zimtschnecken-Bewegungen durch die Stuttgarter-Innenstadt fahren und spuckt mich endlich vor der Bäckerei neben der Kanalstraße aus.

„Siebzehn Euro“, sagt er.

„Einen wunderschönen Tag“, sag ich und gebe ihm zwei Euro Trinkgeld.

Ich will ja nicht gleich in den Stuttgarter Nachrichten landen. Neue Schriftstellerhaus- Stipendiatin verprügelt Taxifahrer. Nein, nein.

Das Schriftstellerhaus sieht von außen so entzückend aus, dass ich erstmal Mühe habe, meine Ängste vor dem alten Gebäude, die ich seit Wochen in meinem Innersten schüre, in Einklang mit dem wirklichen Eindruck zu bekommen.

Ein Interview-Podcast nämlich, den ich vor Monaten gehört habe, hält meinen inneren Angsthasen seitdem in Schacht. Ein Journalist spaziert darin mit Nora Gomringer durch Bamberg. Sie erzählt über ihre Schriftstellerinnenkarriere, über verflossene Liebschaften, geht mit dem Journalisten in ein Frühstückslokal.

„Ich bin geistersichtig“, sagt Nora Gomringer dort, im Frühstückslokal.

„Geistersüchtig?“, fragt der Interviewer irritiert.

„Geistersichtig“, bessert sie ihn aus: „Ich sehe Geister, das ist alles in der Welt, bestell dir ruhig die große Portion Rührei, wenn du es nicht schaffst, esse ich sie auf.“

Danach natürlich, gibt es erstmal kein anderes Thema mehr und Nora erzählt von generellen Geistersichtungen, Geisterstudiengängen an deutschen Universitäten, Geistern, die ihr auf der Straße begegnen und die sie erst einmal für echte Menschen hält.

Sie erzählt von dem alten Haus, in dem sie aufgewachsen ist, erzählt vom Geist des verstorbenen Hausherren, der immer am Fenster stand, im Gang vor Noras Zimmer. Der Geist hatte eine auberginefarbene Haut, erzählt Nora, wenn sie die Treppe hochkam, sah sie schon seine Waden. Und manchmal sah sie die dazugehörige Gegenfigur. Gegenfigur nennt Nora es und meint damit den Diener vom auberginefarbenen Herren, der manchmal auch noch durch die Gegend spukte.

Das ist alles in der Welt, sagt Nora im Podcast, das ist in ganz vielen alten Häusern so, sagt Nora, aber in der Villa Concordia nicht. In der Villa Concordia, wo sie ja arbeitet, sei gar nichts; das müsse man sich mal vorstellen, dabei ist das so ein altes Haus.

Nora jedenfalls, fürchtet sich nicht. Das ist alles in der Welt, sagt Nora. Nora bleibt souverän, auch wenn sie einen Geist einmal mit dem Busfahrer verwechselt, aber ich bin ein kleines Häuflein. Überall vermute ich Gegenfiguren und ihre Häupter. Ich stehe jetzt vorm Schriftstellerhaus, schaue mir die alte Fassade an, zähle die neun Fenster in den oberen Stockwerken durch, an denen auberginefarbene Geister stehen könnten, denke, das war eine super Idee, drei Monate alleine in ein historisches Haus zu ziehen, Angela. Im ersten Stock geht ein Licht an. Das ist kein Geist, denke ich und freue ich mich. Geister sind in meiner Vorstellung eco-friendlier und beteiligen sich nicht mehr an den weltlichen Ressourcen.

Ich drücke die Klingel und sage in die Gegensprechanlage: „Hallo, ich bin da.“

Angela_Lehner
Angela_Lehner
Angela Lehner wurde 1987 in Klagenfurt geboren und hat nach dem Abitur vergleichende Literaturwissenschafte in Wien und Maynooth (Irland) studiert, mit Bacholor abgeschlossen, dann den Master erworben. Im Frühjahr 2019 hat Lehner den Roman “Vater unser” im Hanser Verlag Berlin veröffentlicht und dafür bislang zahlreiche Preise erhalten, u.a. war sie auf der Longlist des deutschen Buchpreises vertreten und wurde mit dem Debütpreis des österreichischen Buchpreis 2019 ausgezeichnet.