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11. Oktober ’21

wieder zurück in Stuttgart, wieder im Lande, in Sugartown und gestern Nacht ins altbekannte Bett gefaltet; es ist schön, wieder hier zu sein, schön, nach so vielen Tagen, die so ereignisreich waren, ein weiteres Mal anzukommen.

Sonntags ist alles ruhig, der Zug hält gegen 23 Uhr in den Bahnhofshallen, sammelte einige verspätete Minuten von den Gleisen auf, die immer wieder verlorenen, verlorengegangenen, ausgestreuten Minuten aus den Gleisen gepickt und die Verspätung daher halbwegs erträglich. Ausgestiegen, Tasche geschultert und zurück ins Schriftstellerhaus, über den Schlossgarten geschlichen, wo sich die Ratten an alten McDonalds Resten nährten und nur die vielen Laternen noch Anzeichen für nächtliches Leben gaben. Die Stadt ist leer, keine Menschenseele unterwegs, nur vereinzelt kreuzt ein Auto aus der Ferne meinen Blick; es ist kalt, deutlich kälter geworden, herbstlich frisch und fast schon stockt mein Atem in der Luft, stockt vor meiner Nase, bis ich ihn wieder durchwirble mit meinem Eintritt, mit meinem Durchlaufen die feinen angewärmten Bläschen meiner Lunge in der erkalteten Luft durchwirble und sie verschwinden lasse.

Die Ruhe tut gut und die Stadt scheint mir kurzfristig heilsam – gerade komme ich aus Wien, komme aus Salzburg, aus dem Burgenland, von Veranstaltungen aller Art, es ist eine turbulente Woche geplant gewesen; angefangen mit alten, weißen Männern, ein Stück „MENNER“ in Salzburg, ein Stück Salzburg ganz und gar und die Begeisterung, begeisternd durch die mir bekannten Straßen zu schlendern; nächtens ist Salzburg wie Stuttgart, man sieht hier nur wenige Menschen.

Nun wieder zurück in Wien, zurück zu verschlossenen Türen: hier wäre eine Magazinpräsentation geplant gewesen, leider abgesagt, wusste nichts davon, nun gut, dann eben Ramen essen gehen und den Abend anderweitig genießen, die Stadt hat mich immerhin wieder aufgenommen, hat mich lieblich empfangen, eine Rückkehr ohne viel Aufhebens; hier bin ich meisten glücklich.

Nur wenige Tage danach eine Ausstellungseröffnung im Hundertwasser-Haus, im Museum, im Innenhof, grüne Oase, fein sommerlich, bloß mit einem leichten Hemd bekleidet und warmen Winden darin; der letzte Sommerabend wirkt ein wenig magisch an, selbst der Boden hier wellig-gebündelt, ist bunt, wirkt wässrig, durchwässert und schön.

Lesung im Burgenland, Lesung für Lehrende im Rahmen einer Fortbildung, ich genieße die Fragen, die Stille, die Konzentration und das anschließende Gespräch, hier hält man es gut aus bloß zu sein.

Samstags dann der Tag vor der Abreise, Wien, poesiegalerie, ein Aufgebot an Dichter*innen und Sprache, ein Gedenken an Mayröcker, wir alle verehren sie, hier in diesem Raum, in dieser Rahmung aller Verehrung gilt der Grande Dame, bestimmt über ihren Tod hinaus, herzzerreißend und nacherzählend, salzig und meint

den Geräuschen nachstellen, auch die Geräusche die einer macht, wenn er die Gedanken in der Brust seines Nebenmannes belauscht, und abließt, ihnen nachstellt, bis er sie eingeholt hat usw.

ganz wie wir ihr immerzu nachstellen werden, sie – und ihrer Sprache nachstellend – auch in meinen Texten immer Teil, immer einer Welt genähert und genährt durch dieses Geschäft mit Träumen und wie ich darin atme, wie ich durchatme und durchgepeitscht vom Schienengeratter endlich wieder aussteige und durch den Garten gehe, den goldenen Hirschen betrachte, die Ratten, die Enten, wie sie sich putzen und aufgereiht vor mir hocken und schnäbeln, putzen und rasieren, immer ein wenig schön gemacht für die Nacht und ich das Haus endlich betrete, die Wärme spüre und meine Tasche zu Boden sinken lasse – Ankunft, ganz anders als im September, ganz anders und ebenso schön, zweite Ankunft gänzlich geglückt.

Raoul Eiselehttps://www.raouleisele.com/
Raoul Eisele reiste am 11. September 2021 an und wird bis Mitte Dezember im Stuttgarter Schriftstellerhaus leben und arbeiten. Er erhält das Stipendium der Landeshauptstadt Stuttgart, das der Verein finanziell zu einem zweiten Lyrikstipendium aufgestockt hat. Eisele wurde 1991 in Eisenstadt, Österreich geboren, er lebt in Wien.