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12. September ’21

I.

hinter mir die Silhouetten Goethes, Schillers, Jean Pauls (Pudel), neben mir bereits erkalteter Kaffee und in den Ohren eine Bigband zu Trakl; die Sonne scheint und so sehr mir die Situation vertraut wirkt, ist Stuttgart, die Stadt, die mich umgibt, oder wie eine liebe Freundin sagt: Sugartown (einfach die „t“s weglassen) mir weitestgehend fremd. Ich sitze am Schreibtisch und denke darüber nach, wie nahe einem manches doch, selbst wenn man es persönlich noch gar nicht erlebte, noch gar nicht näher kennt.

Thomas Mann schrieb:

Phantasie haben heißt nicht, sich etwas auszudenken; es heißt, sich aus den Dingen etwas machen

sich etwas aus der Vorstellung zu machen und daraus folgend etwas zu begehen, etwas zu erspüren selbst wenn man gerade nicht vor Ort sei.

Schon in jungen Jahren erklang mir oft der Satz „im Herzen bleib ich Stuggi-Resident“, heißt: erklang das Lied „1ste Liebe“ von Max Herre in meinen Ohren, ein Lied, das nicht nur der Stadt selbst gewidmet ist, sondern bestimmt auch einer Liebe, von der ich nicht weiter erzählen kann, mit der ich jedoch in „Cryptos […] downhill“ fuhr oder am „kleinen Schlossplatz“ herumgesessen hatten; jetzt aber darf ich sagen: Stuggi-Resident, kann mich endlich selbst in diese Welt einfühlen, die schon seit Jahren irgendwo in mir verborgen ist.

Nun: ans Erkunden, ans Nachspüren und Spurensuchen vergangener Gedanken, Erlebnisse und Erzählungen; denn gerade kam ich aus Nenzing, aus Feldkirch, vom Luaga & Losna-Festival angereist, wo ich von einer mir noch unbekannte Familie erwartet wurde, einer Familie von vergangenen Stuttgarter Stadtschreiberinnen wie Katharina J. Ferner und Agnes Gerstenberg. Zwei Autorinnen, die ihre Geschichten 2019 und 2012 hier erlebten, die am selben Tisch saßen und schrieben wie ich gerade, die mir von Sugartown  (Agnes prägte für mich diesen Begriff) erzählten und schwärmten – und schon könnte ich wieder von Nancy Sinatra schreiben, an Bigbands denken, oder von Trakls Umgürten „zartlichter Blüten des träumenden Haupts“, von meinem träumenden Haupt schreiben, das sich hierher zu denken vermochte und allerlei Erinnerungen/Vorstellungen an und von dieser Stadt hat, von Städten, die mir teilweise bekannt, teilweise noch unbekannt sind, zu denen ich trotz allem eine Verbundenheit verspüre; soweit will ich hier aber nicht gehen, lieber wieder einen Schritt zurück, denn nun möchte ich mich im Hier und Jetzt bewegen, in dieser Stadt alles Sammeln wie ein „Beuteltier“, ein Beschauliches, ein Beschauendes, das sich nähert und nährt von allem, was es hier zu entdecken gilt.

daher: hallo Stuttgart – hallo Sugartown – hier bin ich!

II.

abends dann wohl von Améry geleitet, laufe ich durch die Stadt, das JazzOpen fällt mir ins Auge, Lianne La Havas spielt, Sophie Hunger, auch Element of Crime; werde fast ein wenig euphorisch, will sie alle sehen, doch gibt es nur für eine Veranstaltung Karten. Ein wenig traurig über diese mir fälschliche Vorfreude, jene Band zu sehen, die ich in meinem letzten Buch vorangestellt zitierte:

in mondlosen Nächten träum ich noch immer von dir

laufe ich weiter, Wolkenblick und suche den Mond. Noch ist er nicht aufgegangen, jedenfalls fällt mir seine Silhouette nicht auf, am Himmel noch verborgen, das geborgte Licht der Sonne noch nicht angenommen.

Die Stadt ist schön, vermutlich für Sonntag sehr belebt, doch kann ich es nicht beurteilen, wie leer die Straßen einmal sind, ist der Schnee erstmal gefallen, der Nebel immer dichter, wenn die Temperaturen um den Gefrierpunkt liegen, jetzt aber Sonne, jetzt sind die Menschen draußen in den Parks und ich gehe langsam den Hügel hinauf – denke, dort wo die Bäume blühen, will ich sein – folge dem immer wieder satt aufleuchtenden Grün der Blätter, dann: Améry, also die Jean-Améry-Straße, hier bieg ich ab.

Eigentlich der erste Straßenname, den ich bewusst lese, den ich bewusst im Gedächtnis behalte, der eines österreichischen Schriftstellers und folge der sich schlängelnden Straße bergauf. Oben angelangt der Ausblick auf die Stadt, ein Anblick von Weinreben begrenzt und die ausgebreitete Wiese mit Pärchen gespickt – es erinnert an Schönbrunn, an die Gloriette, nur weniger prunkvoll, dafür verwachsener, viel wilder mit Versteckmöglichkeiten für Liebende, fast schon verwunschen kitschig – hier könnte ich mir vorstellen zu schreiben unter rankenden Stöcken der Hoya und einem mit Regenwasser gefüllten Becken. Es ist schön, mein erster Eindruck ist immer wieder: schön! Diese Stadt birgt Plätze, an denen man sich verliert „von Anfang an ganz ohne Zwang“, wie Sophie Hunger singt; und so laufe ich weiter, ganz zwanglos, noch ein wenig bergauf, dann wieder bergab, gelange an eine Kreuzung, eine Kirche lenkt meinen Blick und ich folge ihm.

Am Vorplatz der Pfarre, welche es ist, habe ich mir nicht gemerkt, vorbei, entlang der Straße, habe eine Runde gemacht und lande bei Schiller, lande bei Huchel, bei Mörike, in einer Stadt mit vielen Schriftstellerstraßen, bloß Schriftstellerinnen fielen mir keine ins Aug – vielleicht aus wenig geschärftem Blick, vielleicht aber auch, weil es keine gibt – werde jedenfalls weiterhin nach ihnen suchen, in der Hoffnung sie zu finden, nach ihnen Ausschau haltend. Immerhin befindet sich auf der Karlshöhe die Schutzgöttin Athene, eine Erleichterung, dass wenigstens eine Frau ganz oben steht und wacht.

Langsam erreiche ich die 10.000 Schrittmarke und finden mich wieder vor dem Schriftsteller:innenhaus ein, ich mache ein Foto und denke: für heute ists genug, schließe die Tür hinter mir zweimal ab und setze mich inspiriert von der Stadt ans Schreiben.

Raoul Eiselehttps://www.raouleisele.com/
Raoul Eisele reiste am 11. September 2021 an und wird bis Mitte Dezember im Stuttgarter Schriftstellerhaus leben und arbeiten. Er erhält das Stipendium der Landeshauptstadt Stuttgart, das der Verein finanziell zu einem zweiten Lyrikstipendium aufgestockt hat. Eisele wurde 1991 in Eisenstadt, Österreich geboren, er lebt in Wien.