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13. September ’21

die Jalousien gegenüber meines Zimmers mit Blick auf allerlei Zahnarztsessel sind halb geschlossen. Eine leichte Brise weht herein und so sehr ich den Sommer auch weitererzählen will, hält der Herbst immer deutlicher Einzug – schleicht sich ein Übergang ein – gleich jener Geräuschkulisse, die von Minute zu Minute lauter zu werden scheint; diese sich immer dichter zusammenschiebenden Schallwellen, die an mich herandrängen: der Arbeitsalltag hat begonnen und auch ich sitze hier, denke über mein Schreiben nach, blättere in den gestrigen Seiten – es ist schön – immer wieder dieses Wort schön in Verbindung mit der Stadt, mit Sugartown, meinem neugewonnen Wohnort.

Ich weiß nicht, woran ich diese Begrifflichkeit festmachen soll, woran messen, aber gleich wie Leben jeder für sich individuell definiert, soll auch schön ganz nach meinem Blick, meinem Empfinden nach definiert sein – denke u.a. an Nelly Sachs

lasst uns das Leben wieder leise lernen

denke, an das langsame Herannahen der Schönheit in der Welt, alles wieder langsam lernen, kinderschühchengleich und was es heißt, genauer hinzusehen und in der vorherrschenden Reizüberflutung nicht unterzugehen. Diese Stadt kennenlernen, leise aus dem Zimmer gegenüber der Zahnarztsessel lernen und horchen und Geschichten erzählen …

Auch wenn ich selbst immer wieder mein Smartphone zücke, mich der Reizüberflutung hingeben, das bunte Blinken am oberen Ende des Handys erwarte, auf Nachrichten hoffe, mit dem Gedanken der Einsamkeit des Schreibens zu entgehen – nicht, dass ich hierbei unglücklich wäre, doch der Gedanken an Reaktionen eines Gegenübers stimmen mich ebenso freudig; ein einfacher Gedankenaustausch, der Inspiration zutage treten ließe.

Letztens notierte ich den Vers „im Herbst hüllt sich der Tod in bunte Gewänder // im Winter trauert er in Weiß“ – vermute dahinter den ersten kalten Windstoß, den Geruch, der den Sommer in den Ausklang dirigiert, der mir hierbei Inspiration schuf und doch fühlt es sich momentan so an, als würde ich den Sommer lieber weitererzählen wollen, als der Natur die bunten Blätter umzuhängen und den letzten Ton spielen zu lassen; Wind, oh summerwind, come blowin‘ in from a across the sea und spiel mit mir, wenn ich die Fenster wieder einmal freudig für dich öffne.

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Raoul Eiselehttps://www.raouleisele.com/
Raoul Eisele reiste am 11. September 2021 an und wird bis Mitte Dezember im Stuttgarter Schriftstellerhaus leben und arbeiten. Er erhält das Stipendium der Landeshauptstadt Stuttgart, das der Verein finanziell zu einem zweiten Lyrikstipendium aufgestockt hat. Eisele wurde 1991 in Eisenstadt, Österreich geboren, er lebt in Wien.