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25. September ’21

im Haus der Literatur ein Abend der Mehrsprachigkeit, Literaturabend: Losgesagt und freigemacht, freigesprochen aus dem Bauch heraus und die Frage nach Sichtbarkeit, nicht in der Poesie, nicht in der Sprache, Sichtbarkeit in der Welt, in der Politik und wie viel Schmerz, wie viel Gräuel in einer Stadt wie Minsk, in einem belarussischen Land, dieses Land immer unsichtbarer, immer weiter aus dem Gedächtnis gerückt und gerutscht, ein Aufstieg eines Machtbesessenen, eines Diktators, wie es gestern heißt – ich verstehe diesen Ausdruck, diesen Ausbruch an Gewalt in ihrer Sprachlichkeit, ein Appell, ein Plädoyer der Schönheit zugetan, der Menschlichkeit, wie sonst könne man sich erklären, dass man Geistern gegenüber sitzt, Menschen (so sind sie es hier) Geister in ihrer Wahrnehmung, mit denen man machen kann und darf, was auch immer man (der Staat) will und welches Stillschweigen es nach sich zieht, welchen Kummer …

und ich fühle mich ertappt, fühle den verlorengegangenen Fokus, meinen Blick wieder etwas geschärfter als zuvor, denn auch ich habe nicht mehr daran gedacht, auch mir wars nicht bewusst, wie schwer es sich erweist, aus einem europäischen Land herauszukommen (zwar scheinbar freie Bahnen, doch keine Flüge und sowieso alles überfüllt) ein Stacheldraht, eine Mauer, ein neuer „eiserner Vorhang“ vielleicht zu weit gegriffen, aber immerhin eine Mauer, eine Mauer von vielen, Europa macht dicht und immer dichter an den Grenzen, kein Übersetzen mehr, kein Überfrachten, Überfliegen – ein Übertritt unmöglich, bitte weisen SIE sich aus, bitte drehen SIE wieder um, wir wollen SIE ganz besonders SIE hier nicht haben; so etwas muss man doch verstehen, so etwas ist doch selbstverständlich in unserer westlichen Welt, SCHUTZ, immer wieder SCHUTZ und HEIMAT und LOSGESAGT von dieser Begrifflichkeit: Heimatschutz; schutzlos Sterbende, die sich keinen weiteren Tag mehr leisten können, ob nun in Weißrussland, Afghanistan, Nordkorea, Äquatorialguinea, Republik Kongo, Nicaragua, Uganda, Ungarn, Aserbaidschan uvm., um nur einige (größtenteils) diktatorisch geführte Länder aufzuzählen …

umso beeindruckender all jene, die bleiben, die sich entschließen zu hoffen, wie Viktor Martinowitsch, der ebenfalls unter den Autor*innen sitzt und sich für die Schönheit als bleibendes Element ausspricht und die Kultur als einzige Chance als existenziell versteht.

Zsófia Balla schrieb einmal:

wenn keiner mehr bleibt, wenn wir alle weggehen, // um zu leben, wenigstens bis zum Tod, // wird es niemanden geben, niemanden, der aufersteht

wird es niemanden geben, der hofft und Sinnhaftigkeit, Sinnlichkeit im einzelnen Menschen noch weckt, wenn Volha Hapeyeva über den hoffenden Menschen schreibt:

er schenkt der sinnlosigkeit ringsum ein wenig sinn // als wäre doch nicht alles umsonst

und ich höre Годзе von Brutto (Martinowitsch brachte dieses Lied für diesen Abend mit) höre ein Jahr, ein Jahr voller Schwierigkeiten, immer wieder schwierig darüber zu reden, wenn die Autor*innen darauf zu sprechen kommen, höre, wie Strafzahlen aufgezählt und Namen genannt, Namen, die selbst mit Stuttgart in Verbindung: Maria Kolesnikowa inhaftiert und eingekerkert wie eine Hündin in ihrem Geburtsland gefoltert, wenn auch nicht vor laufender Kamera, aber in den Gesprächen fällt immer wieder das Wort FOLTER, alle werden sie gefoltert, habt bitte keine Illusionen, wahrscheinlich haben sie recht, bestätigen kann ich es nicht, aber wenn wir von Gefängnissen reden, dann reden wir immer von prekären Verhältnissen, von Ungerechtigkeit und politischen Sanktionen, die einem den Hals zuschnüren und zuschnürend berichten, dass es so nicht mehr weitergehen kann …

und wie ich, gerade ich, vermutlich der einzige Österreicher im Publikum, sich immer wieder beschämend wegzudrehen hat, fallen doch bekanntlich Namen wie Raiffeisen und Kurz und Kreml immer wieder diese Linie zu Putin und der Versuch, die Probleme in einem Land zu lösen, wo hinter dem Machthaber Lukaschenko das russische Regime steht, rückenstärkend und wo die Russen für und nicht gegen einen Erhalt seiner Macht plädieren und ich mich fragen muss, wie es sein kann, wie es so etwas überhaupt gibt, dass Österreich in seiner Rolle gleich einem Kasperl auftritt, Kasperl Kurz mit sein Kompagnon Kogler (die neue K&K-Herrschaft) immer noch nicht verstanden haben, dass Tintifax nicht ihr Verbündeter und alles auch nicht hilfreich ist, denn immerhin hieß es einmal: das Beeeste iiiiiiist, das Beeeste iiiiiiist – wir sperren den Tintifax in eine Kiiist’! und das soll nicht für dieselben Maßnahmen solcher Machthungriger und ihren Methoden sprechen – nicht Aug‘ um Aug‘ heißen – sondern einzig und alleine, dass man sich von diesen Menschen lossagen muss, ihnen nicht mehr die Bühne geben darf, ebenso wenig wie in meinem Herkunftsland, wofür man sich immer und immer wieder schämen darf und kann.

was jedoch bleibt und was mir dieser Abend wieder einmal sichtbar machte, ist, wie wertvoll Lyrik, Literatur, Kunst und Sprache ist, daher möchte ich hier alle Autor*innen aufzählen, die mich gestern so berührten: Viktor Martinowitsch, Volha Hapeyeva, Sasha Filipenko, Valzhyna Mort, Serhij Zhadan, Dmitrij Kapitelman, Lana Bastašić und freue mich über alle Ergänzungen, über all die Name, die ich noch lernen werden – wenigstens versuchen will ich es, wenn ich schon sonst nichts ändern kann!

Raoul Eiselehttps://www.raouleisele.com/
Raoul Eisele reiste am 11. September 2021 an und wird bis Mitte Dezember im Stuttgarter Schriftstellerhaus leben und arbeiten. Er erhält das Stipendium der Landeshauptstadt Stuttgart, das der Verein finanziell zu einem zweiten Lyrikstipendium aufgestockt hat. Eisele wurde 1991 in Eisenstadt, Österreich geboren, er lebt in Wien.