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Kanne und Kabale

Mit dem Begriff Bewusstseinsstromausfall wache ich auf. Um die Frage zu zerstreuen, weshalb mein Hirn so etwas denkt, stehe ich kurz ans offene Fenster und lasse mich sanft belärmen vom motorisierten Verkehr.

Beim Frühstück fällt mir auf, wie einfach sich das Leben zeigt, seit sich allgemein die Einsicht durchgesetzt hat, dass alles komplizierter ist. Eine derart belastbare Gesamttheorie – eben der Grundsatz: alles ist komplizierter als bisher angenommen – war lange nicht verfügbar. So sind also vermutlich die Prozesse, die mein Hirn auch an gewöhnlichen Tagen im Laufe des Erwachens mitzumachen gezwungen wird, von mir bisher maßlos unterschätzt worden. In dem im letzten Moment erfolgten Erhaschen des Begriffs Bewusstseinsstromausfall erkenne ich nun einen zarten Hinweis auf einen neuropsychologisch monströsen Sachverhalt, der allmorgendlich unbemerkt durch mich hindurch und über mich hinwegzieht.

Um mir einen Kaffee aufzukochen, begebe ich mich mit dem kleinen Bialetti in der Hand drei Stockwerke tiefer, in die kleine Küche im Erdgeschoss. Diesen Aufwand betreibe ich nicht aufgrund sonderbarer Einfälle, sondern aufgrund der beiden dortigen Herdplatten: Nur sie können das Bialetti-Kännchen überhaupt erwärmen. Die in der Küche meiner Wohnung eingebauten Herdplatten entstammen einer Plattengeneration, welche Pfannen nicht mehr primitiv mit Hitze erhitzen, sondern mit einem ausgefuchsten Konglomerat aus induzierten Strahlenpaketen, kosmonautischen Kleinwellen und einem sirrenden E-Magnetismus – eine Technik, die verstehen zu können meinen Intellekt übersteigt. Das alte Kaffeekännchen versteht die Herdplatten auch nicht, und egal, wie lange man die beiden unbeobachtet beisammen lässt, es kommt kein Kaffee dabei heraus.

Habe ich im Erdgeschoss das Kännchen befüllt, stehe ich jeden Morgen vor der Frage, ob es sich nicht doch lohnen könnte, kurz hoch in die Wohnung zu gehen, um dort etwas zu erledigen, statt untätig in der eher unwohnlichen Erdgeschossküche stehend den Aufkochprozess abzuwarten.

In diesen Augenblicken möchte ich jeweils gerne den Reformator Zwingli anrufen, oder immerhin sein Sekretariat, um meinen sich aufstauenden Unmut loszuwerden. Das Gefühl, ständig nützlich und arbeitswillig sein zu müssen, wäre mir womöglich in einer ganz im Katholizismus verharrenden Schweiz erspart geblieben. So aber halten mich der Wunsch, rasch die steilen Stufen hochzueilen, um in der Wohnung läppische Nützlichkeiten zu verrichten, und die Furcht, das Kännchen könnte zu lange auf der primitiv heißen Platte stehen, in einer unauflöslichen Schwebe, die mich geistig mitten im Treppenhaus festhält.

Mein halb untätiges, halb verdrießliches Herumstehen in der akustischen Nähe des Kännchens und die daraus folgende, lächerlich kleine und doch nicht zu leugnende innere Zerrissenheit führt aber dazu, dass ich im Moment, da das Kännchen loslegt mit seinem charmanten Gezische, emotional bereits so erschöpft bin, dass ich eine Tasse Kaffee für unbedingt nötig halte.

Als hätte ich eine Auszeichnung erworben, trage ich schließlich das schrecklich heiße Kännchen drei Stockwerke höher.

Kaffeetrinkend beschleichen mich Fragen zum Verhältnis von Ethik und Literatur. Durfte früher ein Buch bereits als spannend gelten, wenn es von einer Liebesaffäre erzählte, die den Rückhalt einer Ehe torpediert und damit vielleicht bejubelt hat, was gegen die Moral der Kirche verstieß? Dass sich Arno Schmidt noch im Jahr 1955 eine Strafanzeige wegen Pornografie und Gotteslästerung einhandelte, zwingt meine Vorstellungskraft zu Frühgymnastik.

Abgelenkt werde ich von einem Hinweis auf der Kaffeepackung, die behauptet, diese Bohnen seien fair, sozial und bio hergestellt worden. Auch hier muss man gewiss selbstverantwortlich hinzudenken, dass alles immer komplizierter ist. Auch bei der Milch, die ich zum Kaffee gebe, ist es ja nicht so einfach. Sie stammt von den Kühen, die zum Reyerhof in Möhringen gehören. Mit einer eigentümlichen, nie nachlassenden Bewunderung schaue ich jedes Mal, wenn ich im dortigen Hofladen einkaufen gehe, zu diesen eine bestrickende Ruhe in sich tragenden, große Grasmengen zu sich führenden Tieren.

Die schön behornten Kühe betrachtend, sehne ich mich jeweils nach einem Buchrücken, den ich kurz ergreifen und auf dem ich flüchtig lesen könnte, dass es die nie ganz perfekte Hygiene war, die dem Menschen in den vergangenen zehntausend Jahren das Überleben sicherte. Ein solches Buch existiert vielleicht nicht, aber ich weiß, dass bei einer Blind-Degustation, die nun bald hundert Jahre zurückliegt, Auszubildende einer landwirtschaftlichen Schule fast ausschließlich jene Milch als schmackhaft bezeichnet haben, welche mit einer winzigen Portion Kuhkot versetzt worden war.

Menschen, die nicht mit Kühen leben und sich in Supermärkten wohl fühlen, haben womöglich Anspruch auf einen Schutz vor solchen Wahrheiten.

Nochmals im Kaffee rührend, spüre ich trotz der mir wohltuenden gedanklichen Nähe zu den Kühen den Schatten einer Frage an mich heranrücken, die mich schon gestern begleitete. Es ist die Frage, ob Romane, deren Inhalt eine Moral mit sich trägt, heute noch jemandem zuzumuten, ob sie wenigstens minimal sinnvoll sind. Ich schreibe heute, weil ich mich in einer Zeit wähne, in welcher, wie ich meine, zum ersten Mal überhaupt die Grundlagen der Moral zu gewichtigen Teilen von Menschen erarbeitet werden, die sich in Naturwissenschaften auskennen.

Ich mag die Frage nicht und weiß, sie wird zurückkehren. Ich werde sie zu Teilfragen zerlegen müssen, um mich weniger erschlagen zu fühlen. Aber vorerst belasse ich der Frage ihre Größe und lenke sie als Ganzes ab, indem ich das Wort Bewusstseinsstromausfall ins Notizbuch schreibe. Damit leere ich die Tasse und schicke mich an die Arbeit.

Urs Mannhart
Von Mai bis Juni 2021 residiert der Schweizer Autor Urs Mannhart im Schriftstellerhaus. Er erhält das Stipendium des Landes Baden-Württemberg für die Arbeit an einem Roman, den er bei seinem in Berlin ansässigen Secession-Verlag publizieren möchte, der Arbeitstitel lautet „Die Lücken“.