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Micul Dejun: „Solche-Orte: Prag“

Paul Jeute bei seiner Vorstellung im Schriftstellerhaus © Michael Seehoff
Paul Jeute bei seiner Vorstellung im Schriftstellerhaus © Michael Seehoff

Du wachst auf. Dir ist kalt, du solltest das Fenster schließen. Kein Rascheln der Blätter in dem Baum hörst du und auch keine zirpende Grille von den Wiesen und den Sträuchern, die da draußen irgendwo sein müssen. Stille. Vielleicht träumst du? Doch du bist dir sicher, du bist wach. Immer noch Stille. Und du glaubst, weiter hinten in der Ecke des Raumes die Umrisse deiner Kommode erkennen zu können. Einen Moment lang bist du dir nicht sicher, ob das deine Kommode ist und wo genau du gerade bist. Also schließt du deine Augen wieder und überlegst, ob es nicht einmal wieder an der Zeit wäre, etwas Zeit in Prag zu verbringen. Du wirst den ganzen Tag nichts tun und am Abend mit Freunden ein paar Bier irgendwo in einer typischen hospoda in Pankrác oder in Žižkov trinken, was auch immer eine typische hospoda in Pankrác oder Žižkov sein soll. Und warum nicht in Smíchov? Egal wo, wirst du dazu, wie so oft zum Bier, einen smažák oder einen nakládaný hermelín essen wollen, und zuhören wirst du, wie es geht und was es Neues gibt. Und am nächsten Tag wirst du mit schweren Beinen im Zug sitzen und genau dorthin fahren, wohin dich der erste Zug, den du am Bahnhof siehst, bringt. Und dann wirst du völlig übermüdet in einer der zahlreichen böhmischen oder mährischen Kleinstädte aussteigen und dich ausruhen.

Doch zuvor wirst du die Zeit bis zum Abend nutzen, um spazieren zu gehen. Vielleicht durch den Park Židovské pece. Warum? Ganz einfach, weil du noch nie dort gewesen bist, obwohl du vor fünfzehn Jahren gar nicht weit entfernt von diesem Park gewohnt und gearbeitet hast. Und weil du damals nicht einmal über diesen Namen nachgedacht hast, du kannst dich jedenfalls nicht daran erinnern. Erst vor ein paar Tagen, über deinen Prager Stadtplan gebeugt, bist du stutzig geworden, warum ein Park »Jüdische Öfen« genannt wird.

Also, beschließt du, musst du in diesen Park mit diesem seltsamen Namen. Und du weißt schon jetzt, dass du, dort angekommen, wahrscheinlich nichts Besonderes finden wirst. Kinder werden auf einer Wiese Fußball spielen oder auf einem Klettergerüst herumturnen. Und wenn da eine Schaukel ist, dann wird bestimmt ein Kind schaukeln, während ein zweites Kind wartet. Und Hunde werden an der Leine geführt, und ein Mann, so um die vierzig Jahre alt, wird eine Tüte aus der Hosentasche ziehen und sich mit der rechten Hand diese Tüte wie einen übergroßen Fäustling überziehen und seine Hand in der Tüte über einen noch dampfenden Haufen Kacke stülpen, den sein, nennen wir ihn Balu, und Balu ist ein Labrador, dort gerade neben einer Eiche platziert hat. Er wird nach dem Haufen greifen und ihn wie eine Trophäe begutachten, während er die Ränder der Tüte nach oben zieht, sie mit der linken Hand verknotet, und diesen warmen Klumpen dann bis zum nächsten Mülleimer tragen.

Du weißt, du wirst nichts finden in diesem Park, sondern wie ein trotteliger Idiot umherlaufen und versuchen, dir einzureden, jetzt etwas mehr zu verstehen, weil du es gesehen hast, den Park mit dem Namen »Jüdische Öfen«. Du wirst einsam sein, weil du alleine durch diesen Park läufst und zu niemandem sagen kannst, hey, das ist der Park, der den Namen »Jüdische Öfen« trägt, ist dir auch schon einmal aufgefallen, was für ein sonderbarer Name das ist? Und du wirst Appetit bekommen auf eingelegten und überbackenen Käse und auf ein paar tschechische Bier, weil du in Prag immer Appetit auf Käse und Bier bekommst.

Also wirst du wahrscheinlich mit deinen Freunden in einer überfüllten Kneipe sitzen, und ein Mensch, der plötzlich neben dir sitzt, seinen Namen vergisst du, als ihr euch die Hand zu Begrüßung reicht, wird dir erzählen, dass er seit Jahren Stadtpläne sammelt.

Und du sagst dann: Ah!

Und du fragst dich, wie man darauf kommt, Stadtpläne zu sammeln. Also fragst du diesen Menschen, wie er darauf komme, Stadtpläne zu sammeln. Und gerne möchtest du noch fragen, was das soll? Wie oft er sich diese Pläne anschaut? Wie viele Pläne er schon hat? Ob er jeden Faltplan mit Werbung, der in Jugendherbergen und Touristeninformationen ausliegt, aufhebt? Ob er sorgsam mit den Plänen umgeht? Was für ein Ordnungssystem und ob er einen Lieblingsplan hat? All diese Fragen möchtest du ihm am liebsten auf einmal stellen, doch ihr kennt euch erst seit höchstens drei Stunden, also stellst du ihm nur diese eine Frage: wie er darauf komme, Stadtpläne zu sammeln. Und er antwortet, dass es ihm Spaß mache, Stadtpläne zu studieren.

Und du nickst, als würdest du jeden Abend in dieser hospoda irgendwo in Pankrác oder Žižkov oder vielleicht sogar in Smíchov sitzen und Gespräche wie dieses führen. Und dann stehst du auf und öffnest das Fenster einen Spalt, damit der Rauch abziehen kann. Und die frische Luft überfordert dich. Genauso wie das spärliche Licht der Straßenlaterne. Und die Erinnerungen von vor Tagen, von vor Monaten, Jahren.

Der Autor Micul Dejun, Künstlername, war als Paul Jeute Stipendiat im Stuttgarter Schriftstellerhaus im Jahr 2014. Geboren 1981 in Dresden, studierte er Geschichte und Kunstgeschichte in Dresden, Halle, Prag und Sibiu, anschließend am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Neben Beiträgen für Anthologien erschien zuletzt Bilder aus Plagwitz, Leutzsch und Lindenau (2014). Der vorliegende Beitrag erschien zuletzt im Logbuch Suhrkamp, Juni 2021

 

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Paul Jeute bei seiner Vorstellung im Schriftstellerhaus © Michael Seehoff
Paul Jeute bei seiner Vorstellung im Schriftstellerhaus © Michael Seehoff

Du wachst auf. Dir ist kalt, du solltest das Fenster schließen. Kein Rascheln der Blätter in dem Baum hörst du und auch keine zirpende Grille von den Wiesen und den Sträuchern, die da draußen irgendwo sein müssen. Stille. Vielleicht träumst du? Doch du bist dir sicher, du bist wach. Immer noch Stille. Und du glaubst, weiter hinten in der Ecke des Raumes die Umrisse deiner Kommode erkennen zu können. Einen Moment lang bist du dir nicht sicher, ob das deine Kommode ist und wo genau du gerade bist. Also schließt du deine Augen wieder und überlegst, ob es nicht einmal wieder an der Zeit wäre, etwas Zeit in Prag zu verbringen. Du wirst den ganzen Tag nichts tun und am Abend mit Freunden ein paar Bier irgendwo in einer typischen hospoda in Pankrác oder in Žižkov trinken, was auch immer eine typische hospoda in Pankrác oder Žižkov sein soll. Und warum nicht in Smíchov? Egal wo, wirst du dazu, wie so oft zum Bier, einen smažák oder einen nakládaný hermelín essen wollen, und zuhören wirst du, wie es geht und was es Neues gibt. Und am nächsten Tag wirst du mit schweren Beinen im Zug sitzen und genau dorthin fahren, wohin dich der erste Zug, den du am Bahnhof siehst, bringt. Und dann wirst du völlig übermüdet in einer der zahlreichen böhmischen oder mährischen Kleinstädte aussteigen und dich ausruhen.

Doch zuvor wirst du die Zeit bis zum Abend nutzen, um spazieren zu gehen. Vielleicht durch den Park Židovské pece. Warum? Ganz einfach, weil du noch nie dort gewesen bist, obwohl du vor fünfzehn Jahren gar nicht weit entfernt von diesem Park gewohnt und gearbeitet hast. Und weil du damals nicht einmal über diesen Namen nachgedacht hast, du kannst dich jedenfalls nicht daran erinnern. Erst vor ein paar Tagen, über deinen Prager Stadtplan gebeugt, bist du stutzig geworden, warum ein Park »Jüdische Öfen« genannt wird.

Also, beschließt du, musst du in diesen Park mit diesem seltsamen Namen. Und du weißt schon jetzt, dass du, dort angekommen, wahrscheinlich nichts Besonderes finden wirst. Kinder werden auf einer Wiese Fußball spielen oder auf einem Klettergerüst herumturnen. Und wenn da eine Schaukel ist, dann wird bestimmt ein Kind schaukeln, während ein zweites Kind wartet. Und Hunde werden an der Leine geführt, und ein Mann, so um die vierzig Jahre alt, wird eine Tüte aus der Hosentasche ziehen und sich mit der rechten Hand diese Tüte wie einen übergroßen Fäustling überziehen und seine Hand in der Tüte über einen noch dampfenden Haufen Kacke stülpen, den sein, nennen wir ihn Balu, und Balu ist ein Labrador, dort gerade neben einer Eiche platziert hat. Er wird nach dem Haufen greifen und ihn wie eine Trophäe begutachten, während er die Ränder der Tüte nach oben zieht, sie mit der linken Hand verknotet, und diesen warmen Klumpen dann bis zum nächsten Mülleimer tragen.

Du weißt, du wirst nichts finden in diesem Park, sondern wie ein trotteliger Idiot umherlaufen und versuchen, dir einzureden, jetzt etwas mehr zu verstehen, weil du es gesehen hast, den Park mit dem Namen »Jüdische Öfen«. Du wirst einsam sein, weil du alleine durch diesen Park läufst und zu niemandem sagen kannst, hey, das ist der Park, der den Namen »Jüdische Öfen« trägt, ist dir auch schon einmal aufgefallen, was für ein sonderbarer Name das ist? Und du wirst Appetit bekommen auf eingelegten und überbackenen Käse und auf ein paar tschechische Bier, weil du in Prag immer Appetit auf Käse und Bier bekommst.

Also wirst du wahrscheinlich mit deinen Freunden in einer überfüllten Kneipe sitzen, und ein Mensch, der plötzlich neben dir sitzt, seinen Namen vergisst du, als ihr euch die Hand zu Begrüßung reicht, wird dir erzählen, dass er seit Jahren Stadtpläne sammelt.

Und du sagst dann: Ah!

Und du fragst dich, wie man darauf kommt, Stadtpläne zu sammeln. Also fragst du diesen Menschen, wie er darauf komme, Stadtpläne zu sammeln. Und gerne möchtest du noch fragen, was das soll? Wie oft er sich diese Pläne anschaut? Wie viele Pläne er schon hat? Ob er jeden Faltplan mit Werbung, der in Jugendherbergen und Touristeninformationen ausliegt, aufhebt? Ob er sorgsam mit den Plänen umgeht? Was für ein Ordnungssystem und ob er einen Lieblingsplan hat? All diese Fragen möchtest du ihm am liebsten auf einmal stellen, doch ihr kennt euch erst seit höchstens drei Stunden, also stellst du ihm nur diese eine Frage: wie er darauf komme, Stadtpläne zu sammeln. Und er antwortet, dass es ihm Spaß mache, Stadtpläne zu studieren.

Und du nickst, als würdest du jeden Abend in dieser hospoda irgendwo in Pankrác oder Žižkov oder vielleicht sogar in Smíchov sitzen und Gespräche wie dieses führen. Und dann stehst du auf und öffnest das Fenster einen Spalt, damit der Rauch abziehen kann. Und die frische Luft überfordert dich. Genauso wie das spärliche Licht der Straßenlaterne. Und die Erinnerungen von vor Tagen, von vor Monaten, Jahren.

Der Autor Micul Dejun, Künstlername, war als Paul Jeute Stipendiat im Stuttgarter Schriftstellerhaus im Jahr 2014. Geboren 1981 in Dresden, studierte er Geschichte und Kunstgeschichte in Dresden, Halle, Prag und Sibiu, anschließend am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig. Neben Beiträgen für Anthologien erschien zuletzt Bilder aus Plagwitz, Leutzsch und Lindenau (2014). Der vorliegende Beitrag erschien zuletzt im Logbuch Suhrkamp, Juni 2021