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Zwischen den Halmen

Neben einem im abendlichen Licht sandfarben leuchtenden Kornfeld halte ich an, mitten auf der wild mäandernden D277. Unklar bleibt, ob das D für département steht oder doch eher für désespoir, jedenfalls verbindet dieses Sträßchen drei oder vier hoffnungslos entlegene, vom allgemeinen Lauf der Zeit ignorierte Dörfer im Pays de la Loire in einer Fasson, welche dem Verb verbinden semantisch neue Räume eröffnet; hineingeraten bin ich ins bermudische Dreieck zwischen Les Grimaux, Brains-sur-Gée und Souligné-Flacé. Und während ich mit meinem Rad auf dem Asphalt der solitären D277 stehe, während zahllose Grillen zirpen und duvetdünne Wolken einen sich dehnenden Abendhimmel verzieren, während sich die unreifen Ähren im Wind wiegen und ich erneut die Karte hervorhole, ahnend, dass mir das im Maßstab 1:200’000 gehaltene Blatt nicht besonders dienlich sein wird – raschelt etwas im Getreide. Augenblicke später begibt sich erstaunlich unvorsichtig ein junges Reh auf die Straße, keine fünfzig Meter vor mir.

Eher unwahrscheinlich ist es, dass Buddhisten zu meinen Vorfahren zählen. Die Idee der Wiedergeburt als Tier, Pflanze oder Stein ist mir kulturell nicht nahe. Und doch erkenne ich ein jedes Mal, da ich einem wilden Tier begegne, mich selbst als einen Anderen im Anderen. Ist es nicht zu deutlich, dass auch ich dieses Reh sein könnte? Bin ich diesem Reh nicht wesensähnlich? Würde nicht auch ich, wäre ich Paarhufer, nun auf dem trittfesten Asphalt gehen, mich alle paar Meter bücken, um die besten Gräser zu erreichen, mich dann umschauen und horchen, ob sich da nicht doch ein Auto nähert?

Gebannt halte ich den Atem an, wie ich im Anblick eines wilden Tiers immer den Atem anhalte. Tue ich dies, um das Reh nicht zu stören? Oder um mich zu sammeln für einen Zweikampf?

Gewiss ist: Aufmerksamkeiten sind ansteckend. Die Wachsamkeit des Rehs springt mühelos über zu mir. Es ist, als wüchse mir ein kleines Geweih, meine Antennen stehen unter Strom, und es wird kaum ein Zufall sein, dass Aufmerksamkeit im Französischen zu jener attention wird, die auch nach Vorsicht, nach Alarmbereitschaft klingt.

Die direkte Begegnung mit einem Wesen, von dem sich der Mensch in Größe und Gewicht nur marginal unterscheidet, wirft den Menschen auch im 21. Jahrhundert zurück in einen mammalistischen Zustand. Es existieren unter Mammalia unverbrüchliche Wesenszüge, die uns Menschen aller gebügelter Hemden, aller klimatisierter Büros und aller fortschreitenden Digitalisierung zum Trotz nicht abhanden gekommen sind. Verblüffend, aber wahr: Es braucht nichts als ein vor uns auf der Straße stehendes Reh, um diese genetisch tief verankerten Verhaltensweisen zu aktivieren.

Aber mein Atemanhalten ist unnötig: Das unbekümmerte Tier entdeckt mich nicht, es frisst weiter von den Gräsern, spaziert schön rechts am Rand des Asphalts und hält alle paar Schritte inne, um zu horchen.

Jetzt preise ich die D277; ihr vages Versprechen, überhaupt irgendwo hinzuführen, erlebe ich als höchst vorbildlich. Mit ihrem unentschlossenen Mäandern hält sie Automobilisten erfolgreich davon ab, überhaupt auf sie abzubiegen.

Aber was wissen wir von den Tieren? Sie sind unfähig, Landkarten zu drucken. Das tut der Mensch, der sich gerne für klug hält – und erst, wenn sich die Karte im Regen auflöst und der Bildschirm des Navigationsgeräts schwarz wird, erhält er einen Hinweis darauf, dass auch er ein Tier ist. Ein markloses, von dem einen auf den nächsten Windhauch hilfloses Tier. Ein Tier auch, dessen Selbstbild derart zernagt ist, dass es nicht nachlässt in dem Bemühen, sich nicht als Tier zu fühlen, von sich nicht als von einem Tier zu reden. Dabei zeigt sich gerade im 21. Jahrhundert, wie fatal es für den Menschen ist, sich derart lange nicht als Tier begriffen zu haben. Erst heute, da der Mensch einsieht, wie erfolgreich er seine Lebensgrundlagen zerstört, wird der Blick frei für die banale Einsicht, dass das Wohl des Menschen, wie das Wohl aller anderen Tiere auch, von intakten Ökosystemen abhängt.

Wer im Zelt übernachtet, irgendwo da draußen, wo Kröten in Pfützen sitzen, sich Schlangen auf Steinen wärmen, Schnecken ihren Fühlern hinterherschleimen, Fledermäuse nach Mücken schnappen, Füchse aus dem Bau schleichen und Wildschweine Felder zerpflügen – wer im Zelt übernachtet, benötigt wenig Beobachtungsgabe, um sich als empfindliches und flugs aus der Ruhe zu bringendes Tier zu erleben.

Deutlich machen dies in erster Linie die kleinen Tiere. Ich baue mein Zelt auf im Schutz einer Hecke, blinzle in die letzten Sonnenstrahlen, denke zurück an das nach einer Weile wieder zwischen Halmen verschwindende Reh – und als ich den Schlafsack aus der Fahrradtasche hole, rennen mir zwei Ohrenkneifer über den Handrücken. Kaum eine halbe Stunde stand die Tasche am Boden, und doch wurde sie von diesen Insekten bereits in ihren Lebensraum integriert.

Ich werde niemanden überraschen, wenn ich erkläre, dass ich diese Viecher nicht mag. Für ihre phänomenale Neugierde, ihre unerreichte Fähigkeit, in Windeseile in alle Ritzen, unter alle Abdeckungen und hinein in alle Necessaires zu gelangen, entwickle ich jedoch auf dieser Reise eine wachsende Bewunderung. Und ich lese, dass viele Ohrwurm-Arten eigentlich fliegen können, ihre Flügel aber nur selten ausklappen. Die Zangen am Hinterleib sind bei den Männchen gekrümmt, bei den Weibchen eher gerade; mit ihnen verteidigen sich die Tiere, mit ihnen gehen sie jagen, und die Zangen sind nötig, um die Flügel aufzufalten. Dass die Tiere damit in menschliche Ohren kneifen, haben Naturforschende bisher nicht beobachten können.

Auch diesbezüglich wird mensch dominiert von mammalistischen Instinkten: Wem gelingt es, angesichts eines Tiers mit zangenförmigem Körperende nicht zu befürchten, gekniffen zu werden?

Jene, die sich mit Dermaptera (so der wissenschaftliche Name der Ohrkneifer) beschäftigen, sprechen von lichten Wäldern, von kleinklimatisch günstigen Biotopen, von der Vorliebe für Standorte, die bei nasser Witterung nicht zu nass und bei trockener Witterung nicht zu trocken werden. Von Ohrwürmern, die unter handtellergrossen Steinen, unter totem Holz und unter Kuhfladen leben. Von Fundorten bis auf 2600 Metern Höhe berichten sie, von mindestens neun verschiedenen Ohrwurm-Arten, die in der Schweiz verbreitet sind. Sie nennen den Ohrkneifer heliophil, um zu beschreiben, dass er die Wärme und das Licht der Sonne liebt. Sie sprechen von Synanthropie, um zu erläutern, wie sich dieser Neuflügler infolge von günstigen Ernährungsbedingungen, Mikroklimata und vielfältigen Strukturen an das Leben in der Nähe des Menschen angepasst hat.

Weswegen die beiden Ohrwürmer derart rasch begriffen haben, dass in meiner Tasche Futter zu finden ist, bleibt mir rätselhaft. In ihrer Faulheit, lieber zu krabbeln statt zu fliegen, sind mir die Tiere aber gerade sehr sympathisch. Ich habe viele Kilometer in den Beinen und bin froh, am Saum dieser Hecke für die Nacht ein kleinklimatisch ideales Biotop gefunden zu haben. Ohne Kuhfladen, ohne Nesseln, ohne feuchten Boden. Ein letztes Mal blicke ich in die Wolken, höre noch, wie sich trotz allem ein Auto auf der D277 verirrt hat, dann ziehe ich den Reißverschluss. Mögen nachts auch Kröten, Schlangen und Wildschweine vorbeiziehen, es wird mir egal sein. Denn ich weiß, ich teile mir als Tier mit diesen Tieren nicht nur die Welt, sondern auch eine umfassende Schüchternheit. Wie alle Tiere tue ich viel, um nicht in eine bedrohliche Situation zu geraten. Ich stecke meine Nase nicht in einen Fuchsbau, das Wildschwein steckt seine Steckdosenschnauze nicht in mein Vorzelt. Das ist der Deal. Wie wir sonst miteinander umgehen wollen, muss angesichts der dramatisch sich verringernden Biodiversität neu verhandelt werden.

Urs Mannhart
Von Mai bis Juni 2021 residiert der Schweizer Autor Urs Mannhart im Schriftstellerhaus. Er erhält das Stipendium des Landes Baden-Württemberg für die Arbeit an einem Roman, den er bei seinem in Berlin ansässigen Secession-Verlag publizieren möchte, der Arbeitstitel lautet „Die Lücken“.