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Moritz Hildt: “Alles. Eine Lesetour in Zeiten der Pandemie”

Wir blicken dieser Tage seit acht Monaten auf die Corona-Pandemie und seit Beginn November auf einen erneuten Teil-Lockdown in ganz Deutschland. Unsere Vorstandsmitglieder haben in lockre Folge notiert, was Ihnen in dieser erzwungenen Pause so durch den Kopf gegangen ist. Es fehlte noch Moritz Hildt. Am 10. November wollten wir ihn und seinen Roman “Alles” in einer Lesung im Hospitalhof vorstellen. Trotz ausgeklügelter Hygienekonzepte mussten wir den Termin absagen, genau wie alle anderen Kultureinrichtungen dies im Monat November tun müssen. 

Dafür hat er uns aus Tübingen geschrieben:

Moritz Hildt © Jan Andreas Münster

Und dann ist es ausgerechnet Paul Simon. Anfang September sitze ich im ICE gen Norden, vor dem Fenster zerdehnt sich das nordhessische Nirgendwo, die Fahrt ist denkbar angenehm und ich bin in den letzten Stunden so gut vorangekommen mit dem Schreiben, dass ich mir eine musikalische Pause gönne. Neben Bruce Springsteen ist Paul Simon ein verlässlicher Freund, wenn es um beschwingte gute Laune und die süße Verheißung des Aufbruchs geht. Und so dämmere ich vergnüglich vor mich hin, frage mich, wie jedes Mal beim Hören von Me and Julio Down by the Schoolyard, was es denn nun ist, was die Mama beobachtet hat und sie dazu bringt, zur Polizei zu gehen, als ich plötzlich, und völlig unvorbereitet, in meine eigene Wirklichkeit zurückgeworfen werde: Goodbye to Rosie, the queen of Corona, singt Paul Simon, als wäre nichts dabei, und ich unterdrücke den Impuls, sofort zum Handy zu greifen und zu überprüfen, ob das wirklich so stimmen kann.

Die Lesereise, zu deren Auftakt ich gerade unterwegs bin, ist keine gewöhnliche. Es ist auch kein Zufall, dass der Zug derart leer und still ist, dass mir das Schreiben so leicht fällt. Und auf einmal spüre ich es auch wieder, das Ziehen des Gummibands der Stoffmaske, die ich schon seit Stunden trage, hinter meinen Ohren. Es ist der Herbst 2020. Es ist eine Lesetour unter Pandemiebedingungen.

Morgen Abend wird die Auftaktlesung stattfinden. Die Handlung meines zweiten Romans, Alles, der im Juli dieses Jahres im Berliner Verlag duotincta erschienen ist, setzt in einem kleinen, liebevoll und individuell eingerichteten Café an der Ostsee ein. Und passenderweise soll an einem ebensolchen Ort die Lesetour beginnen, in der Alten Büdnerei in Kühlungsborn. Bereits bei diesem ersten Termin wird mir etwas begegnen, was sich als richtungsweisend für die nächsten Wochen erweisen und mir zu einer der liebsten Reaktionen auf die Widrigkeiten dieses Jahres werden wird – die Bereitschaft, Findigkeit und Lust an der Improvisation: Wegen der vielen Anmeldungen und des reduzierten Platzkontingents beschließen wir kurzerhand, eine Doppellesung stattfinden zu lassen. Ganz wie die alten Jazzmeister bestreite ich, zum allerersten Mal, eine early show und eine late show.

Zwei Wochen später, in Weimar: „Was machst du, wenn du beim Schreiben steckenbleibst?“ –– „Haben all deine Protagonisten etwas mir dir selbst zu tun?“ –- „Hast du Angst, dass dir irgendwann einfach nichts mehr einfällt?“

Eine geschlagene Stunde lang löchern mich die Schülerinnen und Schüler des Projekts SchulBrücke Weimar im Anschluss an meine Lesung. Ihre Fragen reichen tiefer und sind unbequemer als die, die für gewöhnlich nach Lesungen gestellt werden. Aber eben deswegen sind es natürlich auch die spannenden Fragen. So gut ich kann gebe ich Antwort. Mehr als nur einmal sehe ich mich dabei selbst zwischen den Schülern sitzen, damals (allzu lange ist es noch nicht her!), mit denselben Fragen im Kopf, gierig danach, mehr über dieses Mysterium zu erfahren, dessen Sog ich damals schon verspürt habe.

Und es geht weiter. Eine Signierstunde auf dem Wochenmarkt in Schorndorf, meiner alten Heimat. (Übrigens wieder ein Beispiel für die pandemische Improvisationskunst: Das Event ist eine Idee der Buchhändlerin Kirsten Klöble, da eine Lesung in ihrer kleinen, gemütlichen Buchhandlung gegenwärtig nicht machbar ist.) Mehrfach begegne ich dabei meiner eigenen Vergangenheit, in den Personen, in den Gesprächen. Der Inhaber des veganen Imbiss nebenan lädt mich anschließend zum Mittagessen ein und verwickelt mich in ein Gespräch über Hölderlin, Bruno Schulz’ Mythisierung der Wirklichkeit und honiggesüßten Milchreis.

Mit der wunderbaren Miri Watson spreche ich im Freien Radio Wüste Welle abstandskonform und schallwellengestützt über Alles, seine Figuren und den anmaßenden Wunsch, alles über den eigenen Partner wissen zu wollen. Die Auswahl der Songs, die wir während der einstündigen Live-Sendung spielen, liefert, wie mir im Aufnahmestudio auffällt, eine Art Soundtrack zu meinem Roman.

Einige Wochen nach meiner Reise an die Ostsee stehe ich in einer überraschend milden Herbstnacht vor dem Karlsruher Bahnhof. Wegen eines entgleisten Güterzugs auf der Höhe von Bietigheim-Bissingen geht nichts mehr Richtung Stuttgart, und ich habe Glück, es von Frankfurt immerhin noch bis hierher geschafft zu haben. Noch mehr Glück habe ich, da mich ein Flixbus, wie ich eben herausgefunden habe, ohne Umstieg bis Tübingen bringen wird. Die wenigen Regentropfen, die mir der warme Wind ins Gesicht weht, erfrischen mehr, als dass sie stören.

Ich denke über den Roman nach, den ich eben zu Ende gelesen habe, William Maxwells Sie kamen wie die Schwalben (1937), der während der Zeit der Spanischen Grippe spielt: der Vater arbeitet plötzlich nur von von zu Hause, die Schulen schließen und es wird hin- und herüberlegt, ob man sich dem Infektionsrisiko einer längeren Bahnfahrt aussetzt. Und ich denke, davon angestoßen, über das nach, was ich tue: Über das Schreiben und die Literatur, und darüber, dass sie es vermag, indem sie von beunruhigenden, angstmachenden und schrecklichen Geschehnissen erzählt, diesen Dingen eine Sprache zu geben und dabei Wege aufzuzeigen, wie Menschen damit umgehen – und weitermachen –– können. Schon Sartre wusste, dass das Schreiben immer ein Akt des Optimismus ist.

Bevor ich in den Bus einsteigen darf, der mich nach Hause bringen und dann – leider ohne mich – weiter bis Genua fahren wird, wird mir ein Fieberthermometer vor die Stirn gehalten. Es fiept offenbar unverdächtig und ich erhalte die Erlaubnis, an Bord zu gehen. Auf der Fahrt über die nachtfunkelnde Autobahn ist es nicht Paul Simon, sondern Bruce Springsteen, der mir Gesellschaft leistet. Sein Thunder Road ist der vielleicht beste Song über das Leben, das wie eine leere Seite vor dir liegt und dich herausfordert, darauf zu schreiben.

Das ist der Punkt, an dem die Literatur beginnt.

Das ist der Punkt, an dem das Leben beginnt.

Aufbrechen. Ein Risiko eingehen. Etwas wagen – letzten Endes ist es immer das, worum es geht. Worum es immer schon gegangen ist.

Und worum es immer gehen wird.

Wir blicken dieser Tage seit acht Monaten auf die Corona-Pandemie und seit Beginn November auf einen erneuten Teil-Lockdown in ganz Deutschland. Unsere Vorstandsmitglieder haben in lockre Folge notiert, was Ihnen in dieser erzwungenen Pause so durch den Kopf gegangen ist. Es fehlte noch Moritz Hildt. Am 10. November wollten wir ihn und seinen Roman “Alles” in einer Lesung im Hospitalhof vorstellen. Trotz ausgeklügelter Hygienekonzepte mussten wir den Termin absagen, genau wie alle anderen Kultureinrichtungen dies im Monat November tun müssen. 

Dafür hat er uns aus Tübingen geschrieben:

Moritz Hildt © Jan Andreas Münster

Und dann ist es ausgerechnet Paul Simon. Anfang September sitze ich im ICE gen Norden, vor dem Fenster zerdehnt sich das nordhessische Nirgendwo, die Fahrt ist denkbar angenehm und ich bin in den letzten Stunden so gut vorangekommen mit dem Schreiben, dass ich mir eine musikalische Pause gönne. Neben Bruce Springsteen ist Paul Simon ein verlässlicher Freund, wenn es um beschwingte gute Laune und die süße Verheißung des Aufbruchs geht. Und so dämmere ich vergnüglich vor mich hin, frage mich, wie jedes Mal beim Hören von Me and Julio Down by the Schoolyard, was es denn nun ist, was die Mama beobachtet hat und sie dazu bringt, zur Polizei zu gehen, als ich plötzlich, und völlig unvorbereitet, in meine eigene Wirklichkeit zurückgeworfen werde: Goodbye to Rosie, the queen of Corona, singt Paul Simon, als wäre nichts dabei, und ich unterdrücke den Impuls, sofort zum Handy zu greifen und zu überprüfen, ob das wirklich so stimmen kann.

Die Lesereise, zu deren Auftakt ich gerade unterwegs bin, ist keine gewöhnliche. Es ist auch kein Zufall, dass der Zug derart leer und still ist, dass mir das Schreiben so leicht fällt. Und auf einmal spüre ich es auch wieder, das Ziehen des Gummibands der Stoffmaske, die ich schon seit Stunden trage, hinter meinen Ohren. Es ist der Herbst 2020. Es ist eine Lesetour unter Pandemiebedingungen.

Morgen Abend wird die Auftaktlesung stattfinden. Die Handlung meines zweiten Romans, Alles, der im Juli dieses Jahres im Berliner Verlag duotincta erschienen ist, setzt in einem kleinen, liebevoll und individuell eingerichteten Café an der Ostsee ein. Und passenderweise soll an einem ebensolchen Ort die Lesetour beginnen, in der Alten Büdnerei in Kühlungsborn. Bereits bei diesem ersten Termin wird mir etwas begegnen, was sich als richtungsweisend für die nächsten Wochen erweisen und mir zu einer der liebsten Reaktionen auf die Widrigkeiten dieses Jahres werden wird – die Bereitschaft, Findigkeit und Lust an der Improvisation: Wegen der vielen Anmeldungen und des reduzierten Platzkontingents beschließen wir kurzerhand, eine Doppellesung stattfinden zu lassen. Ganz wie die alten Jazzmeister bestreite ich, zum allerersten Mal, eine early show und eine late show.

Zwei Wochen später, in Weimar: „Was machst du, wenn du beim Schreiben steckenbleibst?“ –– „Haben all deine Protagonisten etwas mir dir selbst zu tun?“ –- „Hast du Angst, dass dir irgendwann einfach nichts mehr einfällt?“

Eine geschlagene Stunde lang löchern mich die Schülerinnen und Schüler des Projekts SchulBrücke Weimar im Anschluss an meine Lesung. Ihre Fragen reichen tiefer und sind unbequemer als die, die für gewöhnlich nach Lesungen gestellt werden. Aber eben deswegen sind es natürlich auch die spannenden Fragen. So gut ich kann gebe ich Antwort. Mehr als nur einmal sehe ich mich dabei selbst zwischen den Schülern sitzen, damals (allzu lange ist es noch nicht her!), mit denselben Fragen im Kopf, gierig danach, mehr über dieses Mysterium zu erfahren, dessen Sog ich damals schon verspürt habe.

Und es geht weiter. Eine Signierstunde auf dem Wochenmarkt in Schorndorf, meiner alten Heimat. (Übrigens wieder ein Beispiel für die pandemische Improvisationskunst: Das Event ist eine Idee der Buchhändlerin Kirsten Klöble, da eine Lesung in ihrer kleinen, gemütlichen Buchhandlung gegenwärtig nicht machbar ist.) Mehrfach begegne ich dabei meiner eigenen Vergangenheit, in den Personen, in den Gesprächen. Der Inhaber des veganen Imbiss nebenan lädt mich anschließend zum Mittagessen ein und verwickelt mich in ein Gespräch über Hölderlin, Bruno Schulz’ Mythisierung der Wirklichkeit und honiggesüßten Milchreis.

Mit der wunderbaren Miri Watson spreche ich im Freien Radio Wüste Welle abstandskonform und schallwellengestützt über Alles, seine Figuren und den anmaßenden Wunsch, alles über den eigenen Partner wissen zu wollen. Die Auswahl der Songs, die wir während der einstündigen Live-Sendung spielen, liefert, wie mir im Aufnahmestudio auffällt, eine Art Soundtrack zu meinem Roman.

Einige Wochen nach meiner Reise an die Ostsee stehe ich in einer überraschend milden Herbstnacht vor dem Karlsruher Bahnhof. Wegen eines entgleisten Güterzugs auf der Höhe von Bietigheim-Bissingen geht nichts mehr Richtung Stuttgart, und ich habe Glück, es von Frankfurt immerhin noch bis hierher geschafft zu haben. Noch mehr Glück habe ich, da mich ein Flixbus, wie ich eben herausgefunden habe, ohne Umstieg bis Tübingen bringen wird. Die wenigen Regentropfen, die mir der warme Wind ins Gesicht weht, erfrischen mehr, als dass sie stören.

Ich denke über den Roman nach, den ich eben zu Ende gelesen habe, William Maxwells Sie kamen wie die Schwalben (1937), der während der Zeit der Spanischen Grippe spielt: der Vater arbeitet plötzlich nur von von zu Hause, die Schulen schließen und es wird hin- und herüberlegt, ob man sich dem Infektionsrisiko einer längeren Bahnfahrt aussetzt. Und ich denke, davon angestoßen, über das nach, was ich tue: Über das Schreiben und die Literatur, und darüber, dass sie es vermag, indem sie von beunruhigenden, angstmachenden und schrecklichen Geschehnissen erzählt, diesen Dingen eine Sprache zu geben und dabei Wege aufzuzeigen, wie Menschen damit umgehen – und weitermachen –– können. Schon Sartre wusste, dass das Schreiben immer ein Akt des Optimismus ist.

Bevor ich in den Bus einsteigen darf, der mich nach Hause bringen und dann – leider ohne mich – weiter bis Genua fahren wird, wird mir ein Fieberthermometer vor die Stirn gehalten. Es fiept offenbar unverdächtig und ich erhalte die Erlaubnis, an Bord zu gehen. Auf der Fahrt über die nachtfunkelnde Autobahn ist es nicht Paul Simon, sondern Bruce Springsteen, der mir Gesellschaft leistet. Sein Thunder Road ist der vielleicht beste Song über das Leben, das wie eine leere Seite vor dir liegt und dich herausfordert, darauf zu schreiben.

Das ist der Punkt, an dem die Literatur beginnt.

Das ist der Punkt, an dem das Leben beginnt.

Aufbrechen. Ein Risiko eingehen. Etwas wagen – letzten Endes ist es immer das, worum es geht. Worum es immer schon gegangen ist.

Und worum es immer gehen wird.