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Silvesterempfehlung von Moritz Heger: „Siehe!“

Der zwischen die Jahre geratene Weihnachtstipp von Moritz Heger führt heute nicht in die Buchhandlung, sondern ins Theater.

„Siehe!“, spricht der Engel die Hirten an. Weihnachten ist ein Fest des Sehens. Auch Literatur kann ein Fest des Sehens sein, wenn sie auf die Bühne gebracht wird. Dafür braucht es keine Opulenz in Bühnenbild, Kostümen, Effekten. Körper reichen. Gute Theatertexte lassen den Körpern Raum.

Heutzutage gelten den Theatern Texte der Gattung Drama nicht selten als altmodisch. Man macht aus vielem anderen Theater, oft schlechteres. Es mangelt an Wertschätzung für die zurückhaltende Kunst der Dialogführung, die Kunst aus Rhythmus und Pause und Klimax. Gute Theatertexte sind theologisch. Sie zeigen, dass Reden dem Wesen nach Drumrumreden ist, sie lassen das Eigentliche in der Aussparung sichtbar, spürbar werden. Unter den Händen eines hineinhorchenden Regisseurs, einer hineinhorchenden Regisseurin können sie, was das Kind in der Krippe als Erwachsener konnte: Menschen zum Leben erwecken.

Die Pandemie hat in allen Bereichen das Digitale verstärkt. Nicht nur in der Schule ist vielen der Wert von Präsenz bewusst geworden. Bei aller Omikron-Unsicherheit: Zeit, das Theater – das gute, alte – zu feiern. Diesen Körperraum. Diese absolut vergänglichen Abende des Lebens. Ich gebe zu, ich war vom Schauspiel Stuttgart in den letzten Jahren enttäuscht. Das Ensemble schien mir gegenüber der Ära Petras zweitklassig geworden. Eine Mitarbeiterin sagte mir jedoch: „Die können mehr. Die werden zu selten richtig gefordert.“

Nun bin ich etwas versöhnt. Seit ich eine neue und eine wiederaufgenommene Inszenierung gesehen habe. An diesen kann man gut sehen, was ein halbwegs guter und was ein richtig guter Theatertext ist. Halbwegs gut: „Die Wahrheiten“ vom verheirateten Vielschreiber-Duo Lutz Hübner und Sarah Nemitz im Kammertheater. Wie so oft haben sie sich ein gesellschaftlich brennendes Thema vorgeknöpft, diesmal den Geschlechterkampf in Zeiten von #metoo. Zwei Ehepaare sind langjährig befreundet, aber ein Abend reicht, um das nachhaltig zu zerstören. Gut daran, die geschickte Konstruktion. Im ersten Akt sehen wir die Seite des einen Paars, im zweiten die des anderen. Nicht so gut: die allzu geschickte Konstruktion. Manchmal klappern die Dialoge wie die verschiebbaren Holzwände auf der sinnfällig gebauten Bühne. Was es trotzdem sehenswert macht: Katharina Hauter. In einem einlässlichen, präzisen Ensemble ragt sie heraus, und nicht nur wegen der echten Tränen auf den Wangen. Man geht mit der Jana, die sie spielt, mit und ist zugleich genervt von ihr. Diese Figur lebt.

Ein tolles Stück hat der Brite Simon Stephens geschrieben, zurecht ein internationaler Erfolgsautor. Barbara Christ hat es hervorragend übersetzt. „Am Ende Licht“ – nicht nur der Titel hat etwas Weihnachtliches – zeigt uns einen Geist. Die so anrührende wie witzige Sylvana Krappatsch spielt eine Trinkerin, die auf dem Weg zum Schnapsregal in einem Geistersupermarkt plötzlich stirbt. Vom Tode her werden nun die krummen Leben ihrer Familie, von Mann und Kindern und deren Partnern aufgedröselt. Bei Stephens hat man nicht das Gefühl, er würde drücken, würde seine Handlung und Dialoge in die Richtung, wo er sie hinhaben will, hindrücken müssen. Er legt an, lässt laufen, vertraut. Solche Theatertexte zu schreiben, braucht nicht nur Vertrauen in die eigene Leichthändigkeit – sondern auch in die Menschheit, die sich aus lauter einzelnen sehr unvollkommenen, anstößig irrationalen, unheilbar glückssüchtigen Wesen zusammensetzt.

In der Hauptprobe, die ich sehen konnte, fiel eine Darstellerin krankheitshalber aus. Sebastian Röhrle, der in scheußlichem Kostüm einen Proll so spielte, dass er ein überzeugender Proll und dabei tief liebenswert war, stand ohne Partnerin da. Was machte er? Er fläzte sich vorne an die Rampe und flirtete mit der Souffleuse, die aus der ersten Reihe den Konterpart schwäbelnd hineinsprach. Welch skurriler Charme, wie viel Spielwitz! Es ist menschenrechtswidrig, Schauspieler zu unterfordern.

 

Der zwischen die Jahre geratene Weihnachtstipp von Moritz Heger führt heute nicht in die Buchhandlung, sondern ins Theater. „Siehe!“, spricht der Engel die Hirten an. Weihnachten ist ein Fest des Sehens. Auch Literatur kann ein Fest des Sehens sein, wenn sie auf die Bühne gebracht wird. Dafür braucht es keine Opulenz in Bühnenbild, Kostümen, Effekten. Körper reichen. Gute Theatertexte lassen den Körpern Raum. Heutzutage gelten den Theatern Texte der Gattung Drama nicht selten als altmodisch. Man macht aus vielem anderen Theater, oft schlechteres. Es mangelt an Wertschätzung für die zurückhaltende Kunst der Dialogführung, die Kunst aus Rhythmus und Pause und Klimax. Gute Theatertexte sind theologisch. Sie zeigen, dass Reden dem Wesen nach Drumrumreden ist, sie lassen das Eigentliche in der Aussparung sichtbar, spürbar werden. Unter den Händen eines hineinhorchenden Regisseurs, einer hineinhorchenden Regisseurin können sie, was das Kind in der Krippe als Erwachsener konnte: Menschen zum Leben erwecken. Die Pandemie hat in allen Bereichen das Digitale verstärkt. Nicht nur in der Schule ist vielen der Wert von Präsenz bewusst geworden. Bei aller Omikron-Unsicherheit: Zeit, das Theater – das gute, alte – zu feiern. Diesen Körperraum. Diese absolut vergänglichen Abende des Lebens. Ich gebe zu, ich war vom Schauspiel Stuttgart in den letzten Jahren enttäuscht. Das Ensemble schien mir gegenüber der Ära Petras zweitklassig geworden. Eine Mitarbeiterin sagte mir jedoch: „Die können mehr. Die werden zu selten richtig gefordert.“ Nun bin ich etwas versöhnt. Seit ich eine neue und eine wiederaufgenommene Inszenierung gesehen habe. An diesen kann man gut sehen, was ein halbwegs guter und was ein richtig guter Theatertext ist. Halbwegs gut: „Die Wahrheiten“ vom verheirateten Vielschreiber-Duo Lutz Hübner und Sarah Nemitz im Kammertheater. Wie so oft haben sie sich ein gesellschaftlich brennendes Thema vorgeknöpft, diesmal den Geschlechterkampf in Zeiten von #metoo. Zwei Ehepaare sind langjährig befreundet, aber ein Abend reicht, um das nachhaltig zu zerstören. Gut daran, die geschickte Konstruktion. Im ersten Akt sehen wir die Seite des einen Paars, im zweiten die des anderen. Nicht so gut: die allzu geschickte Konstruktion. Manchmal klappern die Dialoge wie die verschiebbaren Holzwände auf der sinnfällig gebauten Bühne. Was es trotzdem sehenswert macht: Katharina Hauter. In einem einlässlichen, präzisen Ensemble ragt sie heraus, und nicht nur wegen der echten Tränen auf den Wangen. Man geht mit der Jana, die sie spielt, mit und ist zugleich genervt von ihr. Diese Figur lebt. Ein tolles Stück hat der Brite Simon Stephens geschrieben, zurecht ein internationaler Erfolgsautor. Barbara Christ hat es hervorragend übersetzt. „Am Ende Licht“ – nicht nur der Titel hat etwas Weihnachtliches – zeigt uns einen Geist. Die so anrührende wie witzige Sylvana Krappatsch spielt eine Trinkerin, die auf dem Weg zum Schnapsregal in einem Geistersupermarkt plötzlich stirbt. Vom Tode her werden nun die krummen Leben ihrer Familie, von Mann und Kindern und deren Partnern aufgedröselt. Bei Stephens hat man nicht das Gefühl, er würde drücken, würde seine Handlung und Dialoge in die Richtung, wo er sie hinhaben will, hindrücken müssen. Er legt an, lässt laufen, vertraut. Solche Theatertexte zu schreiben, braucht nicht nur Vertrauen in die eigene Leichthändigkeit – sondern auch in die Menschheit, die sich aus lauter einzelnen sehr unvollkommenen, anstößig irrationalen, unheilbar glückssüchtigen Wesen zusammensetzt. In der Hauptprobe, die ich sehen konnte, fiel eine Darstellerin krankheitshalber aus. Sebastian Röhrle, der in scheußlichem Kostüm einen Proll so spielte, dass er ein überzeugender Proll und dabei tief liebenswert war, stand ohne Partnerin da. Was machte er? Er fläzte sich vorne an die Rampe und flirtete mit der Souffleuse, die aus der ersten Reihe den Konterpart schwäbelnd hineinsprach. Welch skurriler Charme, wie viel Spielwitz! Es ist menschenrechtswidrig, Schauspieler zu unterfordern.