Kanalstraße 4 - Das Stipendiatenblog des Stuttgarter Schriftstellerhauses

Die Atmosphäre war faszinierend: In einer großen Stadt leben und gleichzeitig sehr geborgen sein in dem alten Haus. Man konnte losziehen und war dennoch beschützt.

— José F. A. Oliver, Stipendiat 1988

Zerschlafenes Fundstück

Nach Tagen durchwachsenen Wetters scheint in Stuttgart heute wieder die Sonne. Danke! Aber wem gebührt dieser Dank? Das weiß ich noch immer nicht, dabei bin ich doch schon so alt geworden …

Jedenfalls stiefele ich Tag für Tag die Umgebung ab und lasse mich überraschen. Zum Beispiel fand ich vorgestern in der Rosenstraße, an einen Baum gekettet, ein Fahrrad, das mit Beuteln und Taschen über und über behängt war. Aha, durchzuckte es mich, die Habe eines Obdachlosen. Aber wo war er? Da mir jeglicher Voyeurismus peinlich ist, verlangsamte ich nur meine Schritte, spähte beiläufig hin und her. Erfolglos. Zehn Meter weiter stand, an eine Hauswand gelehnt, eine ausrangierte Matratze. Wäre das Wetter besser, sicher eine willkommene Schlafgelegenheit für den Mann. Oder die Frau?  So aber war sie vollgesogen mit Regenwasser. Das gibt es also auch in Stuttgart. Nicht nur zum Beispiel im Prenzlauer Berg in meiner Heimatstadt, wo oft noch Zettel an Ausrangiertem angebracht sind: Zu verschenken. Zerlederte Sofagarnituren, Plastikstühle, Sprelacarttische stehen oft wochenlang in Wind und Wetter.

Mal sehen, wie lange es hier dauert, bis das gute Stück verschwunden ist.

Kathrin Schmidt

Kathrin Schmidt

Kathrin Schmidt schreibt Lyrik und Prosa. Für ihre Werke erhielt sie zahlreiche Literaturpreise, darunter den Deutschen Buchpreis 2009 für den autobiographisch gefärbten Roman »Du stirbst nicht«.
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