Schöpferisch und friedlich war mein Leben im Schriftstellerhaus. Mit Schwermut verlasse ich den Ort.

— Fuad Rifka, Lyriker, Hölderlin-Spezialist aus Beirut, 2002

Zum Tod von Maria Beig

Maria Beig, die große Schriftstellerin Oberschwabens, lebt nicht mehr. Die Trauer im Verlag Klöpfer & Meyer über den Tod der 97-Jährigen ist groß.

Maria Beig gilt als die bedeutsamste Chronistin Oberschwabens im 20. Jahrhundert. 1920 in Senglingen geboren, wuchs sie als Kind einer bäuerlichen Großfamilie auf, arbeitete als Hauswirtschaftslehrerin und debütierte erst im Alter von 62 Jahren mit dem Roman „Rabenkrächzen“. Als ihr großer Förderer gilt Martin Walser, der sie beim Literarischen Forum in Wangen entdeckte und dort ihre große Wirkung als Literatin erkannte.

Maria Beig erzählte im kargen und damit umso trefferenden Ton vom Beziehungsgeflecht in dörflichen Gemeinschaften, den gegenseitigen Abhängigkeiten und beklemmenden Verschränkungen. Ihre nüchternen Erzählungen sparten Grausamkeiten und Brutalitäten nicht aus, die ihr Jahrhundert in das Dorf- und Familienleben brachte und diese mittlerweile verschwundene Lebenswelt prägten. Maria Beig berichtete schonungslos von einem Dasein, in dem schwere und harte Arbeit, Unfälle und öffentliche Stigmatisierungen (etwa als „Hochzeitslose“, die nichts gegolten haben) zum Alltag gehörten. Ihr Lebenswerk lässt Frauen vom Land zu Wort kommen, die es im Leben immer schwer hatten – mit den Männern, mit der Liebe, mit dem Leben. Maria Beig machte zeitlebens mit ihrem Schreiben das Unglück nicht größer und das Glück nicht geringer, rückte immer aber die Menschen und Tiere auf dem Lande in den Blickpunkt.

Den Verleger Hubert Klöpfer hat sie damit mehr als überzeugt. Er gesteht: „Ja, ich war literarisch in sie  verliebt: In ihren herben Ton, ihre erzählerische Einfachheit, dass sie so unprätentiös, so unverstellt schrieb. Und mich ‚erreichte’, mich beeindruckte zutiefst ihre Lebensgeschichte, ihre Widerstandsfähigkeit. Ich glaube, sie starb jetzt satt an Leben. Und doch machte mich die Nachricht von Maria Beigs Tod richtig traurig. Sie war eine kleine große Frau. Ihr Tod ist ein Schnitt, eine Zäsur. Ich hätte sie gerne nochmals umarmt, und ich hätte mir auch nochmals ihr so besonderes Lächeln gewünscht. Ja, sie wird mir fehlen.“

Mit ihrer Autobiografie „Ein Lebensweg“, die 2009 bei Verlag Klöpfer & Meyer erschienen ist, konnte sich die Schriftstellerin von bedrückenden Ereignissen ihres eigenen Lebens befreien, die sie bis dahin verschwiegen hatte, und berichtete erstmals von ihrem unehelichen Sohn. Dieses Stück „Befreiungsliteratur“ stand monatelang auf der SWR-Bestenliste und brachte der Autorin im hohen Alter erneut große Beachtung und viel Lob in den überregionalen Feuilletons ein. Ihr letztes Kapitel nannte sie „Das Ziel“ und eben dem gab sie mit „Ein Lebensweg“ selbst Ausdruck, wie es Franz Hoben aus Friedrichshafen formuliert: „Maria Beig hat ihren Sinn im Schreiben selbst gefunden.“
Zu ihrem 90. Geburtstag im Jahr 2010 erschien Maria Beigs Gesamtwerk in fünf Bänden bei Klöpfer & Meyer. Für ihre Erzählkunst wurde Maria Beig mit dem Alemannischen Literaturpreis und dem Johann-Peter-Hebel-Preis ausgezeichnet.

Am 3. September ist Maria Beig in Friedrichshafen, wo sie seit 1954 lebte, gestorben.
Annette Maria Rieger/Klöpfer & Meyer Verlag

Kein Kommentar möglich