Am Freitag war das Max-Bense-Forum der Stuttgarter Stadtbibliothek beinahe bis auf den letzten Platz belegt. Literaturfans strömten zur Lyriknacht, die bereits zum 22. Mal in Kooperation dreier Institutionen der Stuttgarter Literaturszene stattfindet. Das Literaturhaus Stuttgart, die Stadtbibliothek Stuttgart und das Stuttgarter Schriftstellerhaus luden vier bemerkenswerte Autorinnen zur Lesung. Gesprochenes Wort wurde zudem simultan gebärdensprachlich für das Publikum interpretiert.

Bild: Jelena Cupic
Die ungarische Lyrikerin und Performancekünstlerin Kinga Tóth beeindruckte mit Sprechgesang am Mischpult mit ihrer Performanz „MARIAMACHINA“. Atem, Summen, Mischsprache. Tóth legte mehre Tonspuren übereinander, erzeugte anhand des Mischpults und ihrer Stimme einen Gesang, der an Choralschola und liturgischer Sprechgesang erinnerte. So näherte sie sich der ambivalenten Figur der heiligen Maria. Hierbei spielte Tóth immer wieder mit Dichotomien: Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit; Materialität und Immaterialität; Freiheit und Unfreiheit; Gut und Böse; Natur und Kultur; Mensch und Maschine. Maria Machina, in Gold gegossen und doch unsichtbar. Um sie zu sehen, werde ihr Bauch leerer. Frei wie ein Vogel, vogelfrei. Tóth thematisiert das Verhältnis von Natur und Mensch, Fremde und Vertrautem. Jäger verwechseln ihre Beute mit Fremdmenschen. Nur der gute Jäger müsse schießen.
Vielschichtig sinniert die Lyrikerin kritisch und tiefsinnig über die Marienfigur. Laut Tóth eine Frau, die nicht als Frau gesehen wird. „Für mich kommt alles aus Maria“, sagt sagt sie. Die heilige Maria ist eine Schöpferin, die gleichzeitig verkannt und verehrt ist.
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Die Lyrikerin, Romanautorin und Essayistin Kerstin Preiwuß las aus ihrem Gedicht „Rodeo“. Protagonist Kay geht rücksichtslos mit seiner Umwelt um, in die er geworfen wird. Geworfen hier ganz buchstäblich zu verstehen. Sein Auf-die-Welt-kommen gleicht einem wilden Ritt, Heidschnucken hörnen ihn, er bleibe ein Rodeoreiter. Es folgen Sequenzen, die wie Metamorphosen ineinander übergehen. Eine Antiheldenreise, die den Amoralisten Kay an mythische Orte führt, wie beispielsweise Eismitte. Eine Szenerie aus einer albtraumhaften kolonialen Zeit. Eine implizite Weltumsegelung, Kay kauernd inzwischen Frachtgütern, gefangen in sklavischer Arbeit, Weltuntergangsstimmung. Polare Landschaft changiert mit urbaner Straßenbahnhaltestelle. Schwellenmoment, als Kay über die Klippen am Gleisbett springt. Springende Gedanken durchziehen Preiwuß Lyrik. Sie sind assoziativ, abstrahiert, grotesk. Rodeo wirkt wie ein Fiebertraum der Wirklichkeit.
Kerstin Preiwuß bewegt sich explorativ auf der Ebene des Lyrischen. Mit ihrer amoralisch-mythischen Tricksterfigur ergründet sie gesellschaftliche Sollbruchstellen.
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Bild: Jelena Cupic
Tina Stroheker erkundet in ihrem Gedichtband „Bewegungen, Svendborg. Eine poetische Erkundung“ das Brechts Hus an der dänsichen Küste. Das Haus diente dem deutschen Schriftsteller und seiner Familie als Exil zwischen 1933 und 1939. Nun steht das Brechts Hus als Unterkunft für Atuor:innen und Wissenschaftler:innen offen, die an ihren eignen Projekten arbeiten. Ein Ort künstlerischen und wissenschaftlichen Schaffens.
Stroheker wirft in ihrem Gedichtband existenzielle Fragen auf, die sich stilistisch in literarischen Motiven wiederfinden: Bewegung; Stille; Geräusch; Fundstücke; Sand. In ihrer poetischen Erkundung setzt sie auch auf atmosphärische Leerstellen: Draußen auf der Sund. Wind, Wasser, Strömung. Immer in Bewegung. Die Hafenstadt erzähle Geschichten, die Bewohner würden jedoch Geheimsprache sprechen. Fundstücke im Sand, die Sammlerin werde zum Orakel. Material und Kulturtechnik ergründet Stroheker im Alltäglichen, wie in einem Strandspaziergang oder in der Betrachtung einer Fotografie. Eine Aufnahme der badenden Ehefrau (Brechts) Helene mit Tochter Barbara. Die Autorin durchläuft in ihrer Beobachtung unterschiedliche Abstraktionsebenden: Frau und Kind, Mutter und Tochter. Zweisamkeit, Zugehörigkeit. Für Stroheker sei das Brechts Hus ausdrücklich nicht nur Flucht und Exil. Dies wird in ihrer poetischen Erkundung deutlich, in der sich Beobachtung und Vollzug vermischen.
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Bild: Jelena Cupic
Renate Schmidgall debütiert mit ihrem Gedichtband „Kein Verlass auf Uhren und Gestirne.“ Die Übersetzerin polnischer Literatur verarbeitet alltägliche Beobachtungen in Lyrik.
In Schmidgalls Gedichten finden sich literarische Leerstellen, die sich mit Leben füllen. Ihr Tonfall ist sinnlich-beobachtend, wenn sie von weichem Marmor spricht. Sie erzählt vom Geruch von Kaffee und Schlaf am Morgen. Vom Kirchturm, an dem die Zeit verrostet. Möwen, die ihren Flug vergessen haben. Der Himmel, an ein Bild alter Meister erinnernd. Das lyrische Ich sieht Risse in der Leinwand. Weizen, wie er sich unter der Hand des Windes wogt. Die Stille hinter der Musik der Amseln. Vergänglichkeit zieht sich als Leitmotiv durch ihre Gedichte. Mit jeder Beobachtung nähert sich Schmidgall an Dinge, die sind und gewesen waren. Sie hinterfragt den Ist-Zustand und ergründet den Subtext des Nichtgesagten. Ihre Beobachtungen eröffnen ein Spannungsfeld zwischen dem was war und gleichzeitig nicht war. Hierbei stets mit dem Blick zurück und den Augen nach vorn.
Renate Schmidgall erzählt von einem gelebten Leben. Von Erinnerungen von solch plastischer Art durchdrungen, dass der Eindruck entsteht, ihre Worte könnten atmen.
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Drei (u.a. ehemalige) Teilmehmende des Jungen Schriftstellerhauses, darunter Luisa Kunth, Helena Bierbaum und Mio, schlossen den Abend mit einer performativen Lesung ab. Sie platzierten sich, jeweils mit dem Rücken zueinander gewandt, auf der Bühne und trugen vor.
Drei Gedichte, die für sich stehen und einheitlich verstanden werden können. Ein lyrischer Bericht einer Zugreise von München nach Wien. Zehn Stunden Fahrt, sieben geplant. Das lyrische Ich mag Männer nicht, die sich Männer nennen. Wo ist ein Zuhause bei stetigem Umzug? Rückkehr in Mutters Haus, im Kopf am Meer.
Ihre Texte sind ironisch, spitz, existenziell. Was sie eint, sind die Fragen derjenigen, die ihr Leben in einer chaotischen Umwelt ordnen müssen. Sie suchen ihren Platz, erkämpfen sich ihre Existenz. Rechtfertigen sich, um zu sein. Ihre Lyrik legt den Finger in die Wunde der Heranwachsenden.
Text: Charlotte Feichtmair
Bild: Jelena Cupic


