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Buchtipp von Moritz Hildt: „Irische Passagiere“ von Richard Ford

Von dem romantischen Schriftsteller, Maler und Theoretiker John Ruskin stammt der schöne Satz, dass Komposition im Zusammenfügen ungleicher Teile besteht. Also ist es die Aufgabe des Künstlers, zu entscheiden, was womit gleichwertig ist. Dass dies nicht nur eine Kernaufgabe des Schreibens, sondern auch des Lebens selbst ist, ist eine Lektion, die Richard Ford seine Protagonisten immer wieder erfahren lässt. Auch in seinem neuen Buch Irische Passagiere bildet der Versuch, das eigene Leben zu verorten, eines der zentralen Leitmotive – zwischen den Dingen, die man getan hat, denen, die einem zugestoßen sind, und jene, die man gern getan hätte und nach denen man sich sehnt.

Vornweg: Der deutsche Buchtitel, Irische Passagiere, ist leider nicht arg glücklich gewählt. Da keine der in dem Band versammelten neun Erzählungen so heißt, vermutet man dahinter naheliegenderweise einen inhaltlichen Zusammenhang zwischen den Geschichten. Den gibt es zwar (einige der Protagonisten haben irische Wurzeln, zwei Erzählungen spielen in Irland); er bleibt aber so vage, dass der Buchtitel, wenn er überhaupt etwas tut, Verwirrung stiftet. Im Original ist der Band als Sorry for your Trouble erschienen, also in etwa: „Tut mir leid um deine Probleme“. Das ist eine irische Redewendung, die, sehr viel passender, tatsächlich auf das zielt, was alle Protagonisten, in der ein oder anderen Weise, eint: Sie haben Probleme. Und ihre Herausforderung besteht darin, wie sie darauf reagieren – ob es ihnen also gelingt, in ihrem eigenen Leben die Oberhand (zurück) zu gewinnen.

So geht es in den Erzählungen Nichts zu verzollen, in der der Autor den Leser übrigens en passant auf einen wunderbaren Spaziergang durch die Altstadt von New Orleans mitnimmt, und Der freie Tag um Affären, und um ihr schillerndes Versprechen, Ausflucht zu bieten, aus dem Alltag, den Verpflichtungen und den ewigen eigenen, falschen Entscheidungen.

In dem Band gibt es zwei längere, novellenartige Geschichten, vielleicht sind sie auch die besten: Die zweite Sprache und Der Lauf deines Lebens kreisen beide um das Älterwerden, um die Zeit im Leben, in der der Blick auf sich selbst vor allem ein resümierender wird. Doch die ewige Gefahr, sich aus der Gegenwart – der einzigen Zeit, die letztlich immer zählt – herauszugrübeln, besteht natürlich auch hier. In Der Lauf deines Lebens versucht Peter Boyce in einem kleinen Haus an der Küste von Maine, wieder festen Boden unter die eigenen Füße zu kriegen, und wird dabei mindestens ebenso sehr mit Sonderlingen aus dem Fischerort konfrontiert wie mit seiner eigenen Vergangenheit. In welcher dieser beiden Richtungen letztlich die Erlösung liegt, muss er selbst herausfinden. Und Die zweite Sprache erzählt vom ganz und gar unspektakulären Ende einer Beziehung, einer zweiten Ehe, und von dem, was man darin gesucht und dem, was man darin gefunden hat – und wie sich diese beiden Dinge zueinander verhalten.

Meine persönlichen Favoriten aus dem Buch sind allerdings zwei andere: Sowohl in Am falschen Ort, wo es um einen aus dem Ruder gelaufenen Autokinobesuch geht, als auch in Aufbruch nach Kenosha stellt Ford nämlich einmal mehr sein einzigartiges Einfühlungsvermögen für die Perspektive heranwachsender Jugendlicher unter Beweis, und erzählt mit jener Zartheit und Ernsthaftigkeit, die wohl nur in diesem Lebensalter so sehr eins in eins gehen.

Richard Fords Meisterleistung bestand schon immer darin, die Dinge in der Schwebe zu halten. Seine Charaktere stecken zwar, wie wir alle, voller Unzulänglichkeiten. Aber sie stemmen sich tapfer, wacker und beharrlich gegen die Versuchungen, die Verantwortung für das eigene Leben und die eigenen Entscheidungen auf andere abzuschieben. Diese Verantwortung, und das ist eben die Verantwortung für das Arrangieren der ungleichen Teile, tragen letztendlich immer nur wir selbst.

Richard Ford, „Irische Passagiere“. Aus dem Englischen „Sorry for your trouble“ von Frank Heibert. Hanser Berlin, 2020, 288 Seiten, 22 Euro