Seit Ende Juli ist Leon Ilge bei uns. Er absolviert im Schriftstellerhaus ein studienbegleitendes Praktikum. Damit Sie ihn ein wenig kennenlernen, haben wir ihm drei Fragen gestellt.

Was ist Dein Bezug zu Literatur?
Definitiv ein erlernter, allerdings auch einer dessen Grundzüge ausgemacht in meiner Veranlagung gewesen sein müssen, wie es scheint. Als Kind habe ich Lesen überhaupt nicht verstehen und nachvollziehen können. Mir wurde wohl vorgelesen, jedoch selbst ein Buch in die Hand zu nehmen, gar ein fiktionales, erschien mir schrecklich nutzlos. Die gesamte neue Welt eines einzelnen Bucher schien mir einfach viel zu viel. Aus dem selben Grund, vermute Ich, war Geschichte auch mein schlechtestes Fach in der Schule. Wörter wiederum haben mich früher angesprochen.
Ich erinnere mich sehr genau daran, wie einzelne neue Wörter sich angefühlt haben, wenn ich ihnen irgendwo begegnet bin. Wörter, insbesondere Fremd-und Fachwörter, waren wie kleine, fremde Gegenstände, deren Bedeutung ich noch nicht vollständig verstand, aber mir ihrem Nutzen sehr bewusst war. Manche wirkten wie Edelsteine, andere wie Teile einer Karte oder wie Hinweise in einer Schatzsuche. Mit der Zeit entdeckte ich Verbindungen zwischen ihnen: Wörter, die einander ähnlich waren, wie Zwillinge oder Cousins, und größere Begriffe, unter denen sich immer wieder kleinere und präzisere Bedeutungen abtrennen ließen. Diese unmittelbare Beziehung zu einzelnen Wörtern war für mich wohl der erste Zugang zur Literatur, bevor ich mich für ganze Geschichten oder die Welten eines Buches interessieren konnte. Meine eigene Welt war mir lange Zeit genug, und nur langsam fand ich mich auch in den anderen Welten immer besser zurecht.
Du hast Anglistik und Biologie studiert. Wieso diese Kombi und wieso jetzt Englische Literatur im Master?Anschließend an die im ersten Absatz angesprochenen Aspekte, war Biologie natürlich zunächst mein Lieblingsfach in der Schule. Das lag auf der einen Seite an einer tollen Lehrerin und auf der Anderen an der Ausgewogenheit des Faches zwischen Regel und Kreativität. Erst nach dem Abitur, während einer längeren Reise im englischsprachigen Ausland, habe ich das Englische für mich entdeckt, indem ich es in einem authentischeren Umfeld erleben durfte. Seit dem hat es sich für mich als sehr ergiebig und besonders erwiesen über so viele Jahre einen Fuß in beiden Welten zu haben.
Nachdem ich meine Bachelorarbeit in den Neurowissenschaften geschrieben habe, habe ich mich nun vorerst auf unbestimmte Zeit von der Naturwissenschaft verabschiedet. Ich konnte mir nicht vorstellen, für den Rest meines Lebens, mit den engen Forschungsfragen sowie der Natur der Programmiersprachen und der Datenanalyse glücklich zu werden. Ich habe es seitdem nicht bereut! Und wenn, dann aus anderen Gründen!!
Was sind drei Fun Facts über Dich?
1. Während meiner Zeit im Schriftstellerhaus habe ich durch das lange Pendeln aus Tübingen ein unglaubliches neues Zeitfenster zum Lesen für mich entdeckt. In der ersten Woche habe ich direkt die ganze Madame Bovary, die im Gästezimmer stand, auf den Busfahrten verschlungen.
2. Ich habe seit Neustem nur noch einen alten Nokia-Knochen. Das heißt ich bin jetzt ein Luddite, aber ich habe gleichzeitig auch Linux auf meinem PC installiert mit einem super süßen Windows 98 theme, aber die zwei Sachen schließen sich wohl auch nicht unbedingt aus…
3. Oben im Haus, in dem zweiten Bürozimmer mit dem iMac, habe ich links vom Schreibtisch ein Gedicht an den Wandpfeiler gehangen. Es ist von Edna St. Vincent Millay. Es ist ein sehr gutes Gedicht, bitte lies das Gedicht. Und schau die Wörter nach, die du nicht kennst! Und schau dir Fotos an von den Dingen, die sie meinen! Und so weiter und so fort. Mit so etwas habe ich außerdem geraume Zeit meines Praktikums verbracht . ݁₊ ⊹ . ݁˖ . ݁. ݁₊ ⊹ . ݁˖ . ݁⊹ . ݁˖ . ݁
Text: Leon Ilge
Bild: Rainer Koch


