Schöpferisch und friedlich war mein Leben im Schriftstellerhaus. Mit Schwermut verlasse ich den Ort.

— Fuad Rifka, Lyriker, Hölderlin-Spezialist aus Beirut, 2002

Letztes Blögle

Tschüss, Stuttgart! In einer Stunde fährt mein Zug nach Berlin. Ich habe die Stadt und das Arbeiten hier genossen. Ich bin ein Tiefschläfer, habe bei geöffneten Fenstern zu beiden Seiten, also auch zur Bäckerei hin, gut schlafen können. Ich habe Glück – Lärm erreicht mich nicht. Wer ähnlich disponiert ist, sollte sich unbedingt bewerben, eine gewisse Zeit hier zu verbringen!

Gestern Abend habe ich es mir genehmigt, in der benachbarten Kiste Fleischküchle mit Bratkartoffeln zu essen, nach Monaten kohlehydratlosen Essen richtig fett und lecker. Musste sein. Astrid Braun aß auch, allerdings die halbe Portion, und auch die nicht restlos. Naja.
Ich danke ihr und allen anderen, auch der Putzfee Aleksandra, für ihr Wirken an diesem guten Ort, den ich in Erinnerung behalten werde.
Das Gedicht, von gestern, für die Berliner Zeitschrift Herzattacke im Gedenken an das diesjährige 30. Herbstjubiläum, sei meine letzte Gabe:

bildnis der grenze als verlorene zeit

ich wusste nicht, wie sie aussah. dem namen nach
blühte ein halber enzian aus ihr hervor. sie erinnerte an grenoble,
das weit weg war. weiter noch als vaihingen an der enz,
doch ebenso unerreichbar. später schimmerte sie von weitem
grün wie ein grenadierapfel. ich lernte langsam,
was himmelsrichtungen anging.

meine urgroßmutter öffnete sie mit kleiner ren
te, die hierblieb. jüngere brauchten wissenschaft, konfe
renzen, kongresse, sie zu durchschreiten. gegenläufig
war geld das mittel der qual, scheine und mün
zen. jeder passierling beschrieb sie als zeitsprung,
als riss in der kontinentalschüssel. je nach präfe

renz gab man sich weltläufig, kleinlaut, gar scheu
bei der ankunft. jeder brachte ein bisschen unzeit
ins andere jenseits der zeitzonengrenze. immer
vertropften minuten, stunden im blutigen pfluglehm
des streifens. dass man hier starb, begriff ich zur zeit,
da ich endlich den eisprung beherrschte.

nun wärmte ich mich an männern und mädchen,
während der krieg vor sich hin fror. bis wir so weit waren,
den verzögerungsschalter umzulegen, trat zeit
als zugzwang auf, wechselte von sich zu sich
das geschlecht und ähnelte dem verlorenen,
wie´s uns durchzog und zerschnitt.

Kathrin Schmidt

Kathrin Schmidt

Kathrin Schmidt schreibt Lyrik und Prosa. Für ihre Werke erhielt sie zahlreiche Literaturpreise, darunter den Deutschen Buchpreis 2009 für den autobiographisch gefärbten Roman »Du stirbst nicht«.
Kathrin Schmidt

Neueste Artikel von Kathrin Schmidt (alle ansehen)

Kein Kommentar möglich