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Buchtipp von Susanne Martin: “Am Seil” von Erich Hackl

In diesem Buch, das im April 2020 auch als Taschenbuch erschienen ist, erzählt Erich Hackl die Geschichte von Reinhold Duschka, einem Berliner Handwerker, den seine Leidenschaft für die Berge nach Wien verschlägt, wo er nicht nur dem Bergsteigen nachgehen kann, sondern auch auf einen Freundeskreis trifft, der politisch interessiert ist und vielfältige Themen diskutiert. Regina Steinig steht im Mittelpunkt dieses Kreises, eine attraktive Frau mit wechselnden Liebhabern und einer Tochter, Lucia. Als Jüdin sieht sich Regina zunehmenden Repressalien ausgesetzt und findet 1941 in der Werkstatt von Reinhold, die er sorgfältig als Notquartier vorbereitet hat, Unterschlupf. Bis kurz vor Kriegsende leben Regina und Lucia dort, stets in der Angst entdeckt zu werden. Als dieses Notquartier bei einem Bombardement zerstört wird, bringt Reinhold die beiden in einem Laden, den er anmieten konnte, unter.

Nach Kriegsende führen alle Beteiligten wieder ihr eigenes Leben, bleiben jedoch in regelmäßigem Kontakt. Reinhold verliert kein Wort über seine Heldentat, selbst seine Tochter erfährt erst spät, was er getan hat. Lucias Hartnäckigkeit gibt er im Alter von 90 Jahren schließlich nach: Sie schlägt ihn aus für die Auszeichnung „Gerechter unter den Völkern“, die die Gedenkstätte Yad Vaschem vergibt. Mit 93 Jahren stirbt Reinhold Duschka.

Reinhold Duschka, Regina Steinig und Lucia, ihre Tochter, stehen im Mittelpunkt des Buches. Erich Hackl setzt aus persönlichen Berichten viele kleine Episoden zu einem intensiven Bild des Wiens der Nazizeit zusammen.

Regina ist eine attraktive Jüdin, Chemikerin an der Charité, die sich nach kurzer Ehe scheiden lässt. 1929 bekommt sie eine Tochter, Lucia, von Rudi Krauss, den sie nicht heiraten möchte, weil sie ihn für eheuntauglich hält. Dieser bleibt sein Leben lang mit seiner Tochter in Kontakt. Nach Kriegsende besucht Lucia ihn in seiner neuen Heimat Australien, erkennt jedoch, daß sie dort nicht leben kann und kehrt nach Österreich zurück, wo sie heiratet und eine Familie gründet. Regina Steinig heiratet nach dem Krieg ihren langjährigen Liebhaber Fritz Hildebrandt, einen farblosen Mann, von dem niemand begreift, was Regina an ihm findet und der sie sogar im Altenheim noch betrügt. In der Nachkriegszeit kämpft Regina jahrelang um ihre alte Stelle, die man ihr gekündigt hatte, weil sie Jüdin war.

Reinhold ist ein schweigsamer Mann, den es in jeder freien Minute in die Berge zieht. Als Bergsteiger ist er es gewohnt, andere zu führen und Verantwortung für sie zu übernehmen. Regina und Lucia zu verstecken ist für ihn eine Selbstverständlichkeit und eine Form des Widerstands gegen ein Regime, das er verabscheut– er verliert weder in seinem Freundes- noch im Familienkreis ein Wort darüber. Sein Enkel, mit dem Erich Hackl gesprochen hat, bezeichnet seinen Großvater als einen der als „intelligenten Widerstand“ geleistet hat.

Zu Beginn hatte ich etwas Schwierigkeiten, mich in den knappen und, wie ich es empfand, etwas sprunghaften Stil des Buches einzulesen. Aber diese Art des Erzählens passt letztendlich gut, denn so gelingt es dem Autor, stets authentisch zu bleiben und eine gewisse Distanz zu wahren, die die Intensität der Geschichte erhöht. Er mischt Zitate aus den Erinnerungen der Protagonisten mit Passagen, in denen er erzählt und sich einfühlt in deren Gefühls- und Gedankenwelt.  Mit der Zeit hat mich das Schicksal von Reinhold, Regina und Lucias immer mehr gefesselt. Die Jahre, die sie in der Werkstatt Reinholds verbringen, stets in der Gefahr, entdeckt zu werden, gingen mir unter die Haut. Lucia und Regina helfen Reinhold dabei, seine Vasen und andere kunstgewerbliche Gegenstände zu produzieren. So sind sie unter der Woche wenigstens beschäftigt. Die Wochenenden sind die schlimmste Zeit, denn hier dürfen sie keine Geräusche von sich geben, um eine Entdeckung zu vermeiden. Vor allem für Tochter Lucia ist das schwierig und die Episode, in der Reinhold einmal das Risiko eingeht und mit ihr hinaus in die Natur fährt, hat mich am meisten berührt. Vor meinem inneren Auge sah ich das Mädchen, das minutenlang einfach ständig hin und her rennt und sich endlich einmal für kurze Zeit frei bewegen kann.

„Am Seil“ – ein sehr guter Titel für den Roman: Am Seil ist Reinhold Duschka normalerweise in den Bergen unterwegs und sichert damit sich und seine Bergkameraden, man muss sich hundertprozentig aufeinander verlassen können. Eine Seilschaft bildet er auch mit Regina und Lucia, denn sie sind aufeinander angewiesen. Reginas und Lucias Überleben hängt von Reinholds Fürsorge ab und er muss sicher sein können, daß seine Schützlinge sich sets so verhalten, dass niemand sie bemerkt. Siehe dazu auch das Video mit Erich Hackl, das der Diogenes Verlag online gestellt hat.

Ein Buch, das nachhallt. Gerade in diesen Zeiten, in denen wir einerseits unsere eigenen Erfahrungen mit Isolation und Distanz machen und andererseits des Kriegsendes vor 75 Jahren gedenken finde ich es wichtig, daß wir solche Geschichten hören und lesen. Und ich bewundere einmal mehr den Mut und die Zivilcourage von Menschen wie Reinhold Duschka.

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