Kanalstraße 4 - Das Stipendiatenblog des Stuttgarter Schriftstellerhauses

Ach du Kanalstraße vier, was tät ich ohne dir!

— Armin Ayren

8. April 2018

Gott sei Dank Sonntag. Ich fürchte mich vor der Überarbeitung der nächsten Textstelle. Sie ist eine von den zwei heiklen, von denen ich noch nicht weiß, ob ich zu ihnen stehen kann. Verschieben wir es auf Montag und machen eine Führung durch die Weißenhofsiedlung mit. Weiterlesen »

7. April 2018

Wundert ihr euch, dass ich zwischendurch die Schriftart gewechselt habe? Der Grund: Stuttgart scheint mir eine zartere und weichere Schrift zu fordern.
Beim Aufstieg auf der Weinsteige erinnert mich Stuttgart an Barcelona und Haifa. Euch auch?
Ebenso wie in diesen schönen Städten quält der ewige Lärm und der Gestank des Verkehrs. Das großartige öffentliche Verkehrsnetz lädt zu einer autofreien Innenstadt, nicht wahr? Stellt euch vor, wie ruhig es wäre und wie wir atmen könnten!

Wenige Stunden später finde ich auf einem Spaziergang das Plakat zu einem Vortrag mit entsprechendem Thema: Donnerstag, 12.4. um 20:00 Uhr, Hospitalhof.

Besuch im Staatsballett. Das schlecht behütete Mädchen. Tänzerisch großartig, aber nach Pina Bausch kommt mir Bürgerlicher Realismus auf der Bühne einfach zu bieder vor.

6. April 2018

Ich habe einen Vogel entdeckt, den ich aus meiner Heimat nicht kenne. Mithilfe der Facebook-Freunde fand sich die Lösung: Wacholderdrossel. Außerdem bin ich erstaunt, wie wenig scheu die Graureiher im Park sind.
Ich habe den Park bis zum Neckar durchquert, bin ein Stück den Fluss entlangspaziert, bis ich die ersten Weinhänge sah. Auf dem Rückweg in Bad Cannstadt ein Eis gegessen. Zu Hause angekommen habe ich die Korrekturen des Vormittags zum Teil rückgängig gemacht. Das bestätigt meine gestrige Aussage, es wird Zeit für die Übergabe an einen Lektor, bevor ich anfange zu verschlimmbessern.
Immer wenn ich das Wort verwende, denke ich an meinen Doktorvater, Siegfried Grosse. Damals war ich 29 Jahre alt. Er riet mir, die Dissertation abzugeben, bevor ich anfinge zu verschlimmbessern. Er war ein kluger Mann, auf den ich noch viel öfter hätte hören sollen.

5. April 2018

Heute hat David Paulitschek im Schriftstellerhaus gelesen. Humorvoll, feinsinnig, gehobener Stil, wortwitzig, menschenfreundlich, sinnlich, schöne Bilder, gut gelesen. Den will ich nach Bochum holen. Die Runde war klein, umso leichter kam ein Gespräch in Gang.

Mehr gibt es über den Tag nicht zu berichten, er galt der Romanüberarbeitung. Es muss die letzte sein, denn ich fange an zu überlegen, was das Publikum zu diesem oder jenem sagen wird. Wenn ich unter dieser Prämisse lektoriere, könnte das den Text abflachen, gefällig machen, ihm die Zähne ziehen. Es wird Zeit mit einem wirklich guten Lektor ins Gespräch zu kommen.

 

4. April 2018

Meine zweite Begegnung mit Stuttgartern: Eine Frau tritt auf mich zu und fragt mich nach dem Charlottenplatz. Ich weise ihr den Weg.

Wenig später rennt eine weitere Frau auf mich zu und fragt nach dem Olgaplatz. Ich erkläre ihr den Weg. Beide Male ohne Handy.

Sie werden denken, ich bin von hier. Und ich fühle mich schon fast heimisch.

Die Stauffenberg Erinnerungsstätte zeigt deutlich, dass der echte Stauffenberg anders war als meine Figur. Ich habe ihn so dargestellt, wie ich ihn mir gewünscht habe, meinem eigenen Welt- und Menschenbild entsprechend. Die Differenzen entspringen unserer verschiedenen Zeitzeugenschaft, unserer unterschiedlichen Herkunft und Erziehung. Ich bin keineswegs enttäuscht.